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(II) Mattis Manzel
Peinlich
Roman
Bfrau Verlag
Inhaltsverzeichnis:
Vorwort zur Wiederveröffentlichung als eBook im August 2002 und warum die ’95er Pappausgabe floppte
1.) Peinlich. Dann bekommt er von Margit eins ab, oder besser: Sie bekommt von ihm eins ab.
2.) Peinlich zieht um, tritt im Fernsehen auf und erwacht in einem Zelt.
3.) Peinlich badet. Peinlich schält Kartoffeln. Lenka singt. Peinlich schält Kartoffeln.
4.) Peinlich in der Kunstausstellung. Peinlich in der Oper. Die da in der Kunstausstellung.
8.) Noch ein Kunstprofessor. Peinlich gibt (ziemlich) klein bei. Rolands Inhalt.
9.) Rock ‘n’ Rasputin der Erste.
12.) Mad Professors erster Vortrag über etwas Wissenswertes.
13.) Rasputin der Erste und Mona befinden sich in einer Art Situation.
17.) Einige Anmerkungen über das Bewusstsein und die Entscheidung. Karoline beim Onkel Doktor.
18.) Noch mehr Anmerkungen (OK.). Rasputin breit.
19.) Erst mal Frühstückspause. Mein schönstes Ferienerlebnis. Numerischer Nachtrag.
20.) RudiakneL – JaaJ. Hermann taucht ab.
24.) Die Zeitung. Das Fußkleid.
26.) Hermann hat eine Idee. Diesmal wird was draus.
27.) Annie raucht Silk Cut. Hermann lernt nette Leute kennen.
Mehr zu Peinlich und weiterer shit von Mattis Manzel
zum Anfang von Peinlich (Seite 10)
Na, seid ihr alle da, draußen, vor euren Bildschirmen, meine Schäfchen und
Schäferchen, meine lieben Leser? Hab ich Euch, oder besser habt Ihr mich endlich
wieder?
Mir nichts dir nichts zu verschenken, was ich gemacht habe, war ein langjähriger
Prozess, an dessen vorläufigem Endpunkt die eBook-Veröffentlichung von Peinlich
steht. Ich hab’s damals ernst gemeint, und ich tu’s eigentlich immer noch. Vorläufiger
Endpunkt.
Schönheit zählt. Kunst ist nun, da wir den großen Sinneskleister Internet haben, unzensiert und gratis. Jeder, der eine Website gebacken bekommt, kann jedem, der einen Browser bedienen kann, völlig umsonst alles zeigen und sagen. Also ist Kunst unzensiert und gratis. Und also ist der Künstler wieder Eichendorffs schnorrender Geiger, der nun statt über die Dörfer über die Server zieht, und der spielt, was die Seele ihm zuruft. Er ist frei. Es ist wunderbar. Aber dies nur nebenbei.
Kopiert Peinlich, down- und uploadet ihn, schreibt ihn auf Disketten und CDs, mailt ihn, zitiert ihn oder lest ihn gar (wer’s denn wirklich braucht), lasst http://de.geocities.com/mattismanzel/ aufstrahlen am Netzhimmel als einen neuen Stern. So meine bescheidene Bitte. Ich habe Euch Peinlich geschrieben und - lang genug hatt’s gedauert - aufs Netz gestellt. Jetzt tut bitte zur Abwechslung mal wieder was für mich. Danke.
Peinlich als eBook entspricht in weiten Teilen dem papiernen Peinlich, der im Herbst ’95 bei einem renommierten schweizer Verlag (der übrigens nicht Bfrau [*] heißt) als allemal respektables, ja als preziöses Hardcover erschien. Die eBook-Veröffentlichung weist dazu wenige, feine Unterschiede auf. Diese betreffen das Foto auf dem Buchdeckel sowie kleine Teile des Texts. Ich habe insgesamt etwa vier Manuskriptseiten meist kurzer Textabschnitte, die zu meinem zähneknirschenden Missfallen noch in der Endphase des Lektorats aus dem Manuskript gestrichen worden waren, wieder in den Text eingefügt. Die Rechtschreibung wurde den neuen Regeln angepasst (die ich im Übrigen gut finde, weil, je öfter man Regeln umschmeißt, desto öfter merkt man, dass man sich neue schaffen muss).
Peinlich in Bits und Bytes ist also fast identisch mit dem Papppeinlich - aber eben nur fast: Weshalb der neue Datenpeinlich eigentlich Peinlich II heißen müsste. Mir ist allerdings die Umbenennerei zu abgedroschen und mühselig. Allein schon, um sich vom ersten Peinlich zu unterscheiden, müsste er es, natürlich. Warum also Peinlich II? Weil, eigentlich ist Peinlich ja dergleiche, aber irgendwie ist er doch nicht mehr derselbe, oder?
Oder - um auch wirklich kein Stück locker zu lassen: Peinlich = Peinlich II = Peinlich III, usw., denn Peinlich war Peinlich ...
Ach ja, warum die ’95er-Papierausgabe floppte:
Nach der Vertreterkonferenz im Sommer ’95 hatte mir der Verleger noch anerkennend
auf die Schulter geklopft. Es war mir mit der kurzen Präsentation meines Buchs
doch wahrhaft kurzeitig gelungen, bei den Herrschaften Vertretern das Gefühl
zu evozieren, sie vermöchten im Rahmen der anstehenden Bemusterungen der Buchhändler
mit dem neuen Verlagsprogramm für Vorbestellungen sorgen. Denkste. Peinlich
floppte im Herbst ’95 der Buchhändler wegen. Lieber wollte diese Bande eine
Reitgerte quer fressen, als sich etwas in die Schaufenster zu stellen, das „Peinlich“
heißt! Als dies in Zahlen deutlich wurde, sagte es mir zunächst niemand im Verlag
– ich wollt’s ehrlich auch nicht wirklich gerne hören. Peinlich aber war tot,
noch bevor er vor jemandem hatte seine prallen Buchdeckelchen breit machen können.
So war das dieser Tage. Flogging a dead horse. Vielleicht ist
ja auch die deutsche Wiedervereinigung für die komplette vergangene Dodekade
bereits peinlich genug gewesen? Vielleicht wollte man ja Erbauliches damals?
Erbaulich – das könnte der Computerfuzzi von einem neuen Kumpel Peinlichs sein:
„Der Börsengang der Peinlich Erbaulich AG, Produktionsgesellschaft für multimedialen
Schwachsinn, erschütterte gestern Abend die Wall Street...“ Na ja, sei’s drum.
© Mattis Manzel
Man zielt immer auf die Nase des anderen
Entweder er fängt oder er fängt nicht
Jedenfalls geht’s ihn was an
André Herold
Also. Sie geleiteten Peinlich zurück. Er wälzte sich für eine Weile im Löwenzahn,
dann setzte der Berufsverkehr ein. Vielleicht dunkelte es bereits. Als es Zeit
wurde, brachen sie auf. Peinlich ließ sie gehen und kratzte sich. Zuerst am
Kinn, dann am Mund. Er zog eine kleine schwarze Figur hervor, die er irgendwo
liegen gelassen hatte, und roch daran. Der Geruch erinnerte ihn an etwas. Nichts
Gutes, dessen war er sich sicher. Ob es etwas Schlechtes sein könne, fragte
er sich. Doch ihm fiel nichts Schlechtes ein. Ihnen auch nicht. Sie waren ja
schon weitergezogen. Den anderen, denen, die noch kommen würden, denen fiel
auch nichts ein. Nichts ist gut, erinnerte sich Peinlich, aber danach hatte
er nicht gesucht. Er steckte die kleine schwarze Figur in die Tasche und machte
einen Sprung. Sie waren bereits am Hang. Er sah, wie sie in der Ferne einem
Schwarm südwärts ziehender Enten gleich im Geröll umherstiefelten.
Peinlich kaufte ein Brot. Die goldene Statuette eines Künstlers namens „Schneetau“ oder so ähnlich überschaute aus der Höhe den Platz. Kauend ließ er sich am Fuß des Sockels nieder und beobachtete das feige Hin und Her an der Ampel. Mit jedem Bissen, den er aus dem Laib riss, entfernte er sich weiter von der Unlust, einer Richtung treu zu bleiben. Dann rief jemand nach ihm. Das ärgerte Peinlich, der es nicht leiden konnte, wenn man nach ihm rief. Mit der flachen Seite zu unterst, quasi als Hypotenuse, klemmte er das Brot in den rechten Winkel, den die Klinkersteine des Sockels mit den Gehwegplatten bildeten. Ein kurzer Tunnel mit dreieckigem Querschnitt entstand. Darin verbarg Peinlich die kleine schwarze Figur. So würde sie bis zum Eintreffen der Straßenreinigung zumindest nicht nassregnen. Dann erhob er sich und hielt mit langen Schritten auf das große Kaufhaus zu.
Er wühlte für eine Weile in den Angebots-Büstenhaltern, und erneut fühlte er sich an etwas erinnert. Erneut wusste Peinlich es nicht zu benennen. Dann eilte er eine Treppe hinauf, die sich in einer weiten Spirale im Unendlichen verjüngte, und verjüngte sich in einer weiten Spirale im Unendlichen. Oben angelangt trat er auf den Pavillon hinaus, der die Brustwarze überdachte. Sie war weich und hatte etwa die Größe eines Wasserbetts. Peinlich streckte sich darauf aus. Die Treppensteigerei schien sich gelohnt zu haben. Mit halb geschlossenen Lidern äugte er zwischen den Geländerstäben hindurch. Sieh an, unten bliesen sie einen auf. Peinlich selbst hatte es so angeordnet. Ruckartig warf er sich herum und presste sein Gesicht mit aller Kraft in die Warze. Es gelang ihm gerade noch, sich durch die zusehends enger werdende Luke ins Innere zurückzuzwängen und sich vom oberen Treppenabsatz zu stürzen. Dabei füllten sich seine Lungen mit Harz. Im Laufe der Jahrmillionen sank er noch fast zwei Millimeter abwärts (irgendwann noch etwas später wurden dann aus einem seiner bis dahin erhaltenen Chromosomenpaare die Test-Populationen für eine Reihe von Galaxien geklont, aber das ist unwichtig).
Peinlich öffnete den Kühlschrank. Das obere Rost stand voller Jogurtbecher. Er nahm die Becher heraus und reihte sie vor sich auf dem Fußboden auf. Dann wählte er: „Heidelbeer’“. Während er die Verlierer in den Kühlschrank zurückstellte, hörte er ihre Schritte im Treppenhaus. Bald lehnte sie schweigend in der Küchentür. „Heidelbeer’“ sagte Peinlich, als er ein Bananenjogurt auf das nahezu volle Rost stellte. Er hatte noch nie „Heidelbeer’“ zu ihr gesagt. Sie nahm ihre lederne Umhängetasche von der Schulter und klemmte sie zwischen die Knie. „O Margit! Du bist mein’ Heidelbeer’!“ erweiterte Peinlich zu einem vollständigen Satz und schloss die Kühlschranktür. Sie biss die Zähne aufeinander. Dabei zeigte sich auf ihren Wangen eine konkave Wölbung, die Peinlich zwar kannte und schätzte, die er diesmal jedoch nicht gewahrte, da er sich gerade in der Hocke umdrehte. Während er dies tat, durchfuhr ihn ein Gedanke. Man kann „Gedanke“ dazu sagen, weil dies eine gängige Bezeichnung ist. Margit war schwanger, Peinlich würde Vater und müsste aus ihrer Wohnung ausziehen. Eigentlich war es ein Bündel von Gedanken. Sie überflogen Peinlich, der auf der Ehrentribüne stand, als drei überschallschnelle Kampfbomber. Ähnlich dem ihnen nacheilenden Knall folgte ein zweites Gedankenbündel. „Nix zu machen!“, „So geht das!“ und „Aha!“. Leichte Gedanken. Leicht wie aufflatternde Tauben. Was blieb, war ein unmusikalisches Ohrenklingeln und der sich allmählich über den Paradeplatz senkende Kerosinmief. Peinlich waren die Geistesprozesse nicht anzumerken. Sie vollzogen sich während der relativen Ewigkeit, die es ihn kostete, sich zu erheben und mit dem auserkorenen Jogurtbecher in der Hand zum Küchenschrank zu laufen. Er zog eine Schublade.
Margit setzte zweimal zu sprechen an. Beim ersten Versuch kam nichts, beim zweiten ein femininer Grunzlaut. „Ich bin schwanger. Du wirst Vater. Ich möchte, dass du ausziehst“, brachte sie schließlich heraus. Peinlich wühlte: Schaumlöffel, unzählige Tortenheber, Kuchengabeln, sowie eine Kollektion von Kartoffelschälern, um die der leitende Beamte des Museums für Küchengeräte in – sagen wir – Paderborn die junge Frau sicher beneidet hätte. Peinlich sah Margit an. Er hatte beschlossen, zur Feier des Tages einen besonderen, seinen Jogurtlöffel zu benutzen.
„Liegt wohl im Abwasch“, faselte er und wandte sich dem Spülbecken zu, wo er den Löffel fand. Peinlich öffnete den Jogurtbecher und setzte sich. Die Situation schien ernster, als er zunächst angenommen hatte. Die Heidelbeeren waren groß und rar. Große schmecken nach Wasser, wenige nach nichts. Es war ein Jammer.
„Du bist dir sicher, dass du nicht meinst: ich möchte, dass du dich ausziehst?“ erkundigte sich Peinlich. Die Tasche klemmte fest zwischen Margits Knien.
„Nein. Ich meine: ich möchte, dass du aus meiner Wohnung ausziehst“, korrigierte sie. „Und zwar sofort.“ Peinlichs Blick löste sich von der fruchtaromatisierten Sauermilchspeise. Margit lächelte.
„Jetzt schlägt’s aber dreizehn!“ blubberte er aus jogurtverschmiertem Mund. Die Fäulnis verbreitete sich in der Umgebung seiner linken Backenzähne. Im Grunde ein interessanter Geschmack, gestand er sich, als der erste Ekel verflogen war. „Bitte nochmal der Reihe nach“, bat Peinlich und sog das Jogurt um die verdorbene Frucht herum ab. Dann schob er sie mit der Zunge aus dem Mund. Eigentlich war es kein Lächeln. Es war vielmehr eine Konstellation verschiedenartiger Krämpfe der Muskel, die ihren Mund umschnürten.
„Noch einmal, bitte. Eins nach dem anderen, ja?“ Peinlich verkniff sich ein leichtsinniges „mein’ Heidelbeer’“. „Was bist du, was werde ich, und wer soll was ausziehen?“ Er pickte die gequetschte Beere von seinem Hosenbein und legte sie aufs Fensterbrett. Dann kippte er den Stuhl nach hinten und wandte sich auf einem Stuhlbein drehend Margit zu.
„He Peinlich, hör mal …“
„Verzeihung“, intervenierte Peinlich. „Du bist schwanger, ja?“ Leise vernahm er das Knistern seines kopfstehenden Abbilds auf ihrer Retina. Sie pumpte. Kurz entschlossen schippte er sich einen letzten Löffel Jogurt in den Hals. Dann prüfte er die Haftung seiner Schuhsohlen auf dem Küchenfußboden. Sie begann mit einem ballerinenhaften Schrittchen nach hinten links. Es folgte der kühne Ausfallschritt eines Matadors. Peinlich schloss auf Wucht. Sie wollte ihn vom Platz fegen. Auch gut, dachte er. Während noch Margit in weitem Bogen auf das Leder zustapfte, leckte sich Peinlich über die Lippen. Dann spuckte er neben sich ins Kurzgemähte. Die Wangen leicht einwärts gewölbt, durch und durch lebendig – so liebte er sie.
„Ja! Ich bin schwanger!“ ballerte Margit. Auf Peinlichs Antlitz kondensierte der seismografenerschütternde Jubel einer siegestaumelnden Fußballnation: Eigentor beim Elfmeterschießen nach Unentschieden in der zweiten Verlängerung – Weltmeister! Der auf ihn zufliegende Ball verwandelte sich wechselweise in einen Blumenstrauß, in ein Stück Scheiße und in eine transparente Pizza aus Antimaterie, durch die Peinlich Margit anguckte wie ein Neugeborenes eine Herz-Lungen-Maschine durch das Bullauge eines Brutkastens.
„Na ja, fein“, räumte er ein. „Und wieso?“
Menschen gebrauchen seit langer Zeit Kondomartiges. So waren die alten Römer
anerkanntermaßen Kondombenutzer. Angaben zu den verwendeten Materialien sind
nicht überliefert. Es dürfte sich jedoch mit großer Wahrscheinlichkeit um tierische
Membranen gehandelt haben. Sicherlich waren die Präser des Altertums als Schutz
vor Empfängnis und Infektionen in vielen Fällen unwirksam.
Rudi war der jämmerlichste Dünnbrettbohrer, der in dieser Welt je einen Fuß
vor den anderen gesetzt hat. Die Weserstraße war ein Teil davon. Rudi stellte
den saublödesten Deserteur, den miesesten Kompromissemacher dar, der je von
der Kienitzer Straße in die Weisestraße eingebogen war. Peinlich bog von der
Kienitzer Straße in die Weisestraße ein. Wenn er aus der Schar derer mentaler
Kleintierzüchter, die je von der Weisestraße in die Okerstraße eingebogen waren,
jenen hätte aussuchen dürfen, der am schlechtesten gekleidet war: Rudi wär’s
gewesen – Rudigunde. An der Ecke Okerstraße verspürte Peinlich das dringende
Bedürfnis, Zeuge eines Verkehrsunfalls zu werden.
Er wandte sich nach links und betrat einen Hauseingang. Es war Rudis Hauseingang. Peinlich stieg die Treppe hinauf und klingelte. Rudi war zu Hause.
„Na, Arsch!“ brüllte Peinlich.
„Gaah“, erwiderte Rudi, grinste und schlurfte in die Küche. Dabei steigerte sich sein Grinsen zu seinem spezifischen Grinsen, einer temporären Variante seines ständigen Grinsens.
Peinlich setzte sich an den Küchentisch. Rudi musterte ihn. „Ja, prima, dufte, danke“, stieg es verdrießlich aus Peinlich auf.
Ihre Begrüßungszeremonie war über lange Jahre gewachsen und traditionell festgeschrieben. Ein Beispiel:
„Und, wie stehen die Dinge?“
„Na, wie sollen sie schon stehen? Man lebt so vor sich hin. Und selbst? Was macht die Kunst?“
„Hmm. Danke der Nachfrage. Es läuft gut, aber man hat doch seine liebe Müh. Du kennst das ja. Es ist halt alles nicht so einfach.“
„Meine Rede. Und sonst? Bei dir alles in Ordnung?“
„Aber sicher doch. Es ist, wie es ist. Man schlägt sich eben durch.“
Wer sich wiederholte oder aufgab verlor. Oft wurde der Sieger der Begrüßungszeremonie auch Tagessieger.
Es geht ihm gut, dachte Peinlich.
„Dir geht’s nicht gut, hä?“ nörgelte Rudi. Und gleich darauf mit dem Pesthauch von Fürsorge: „Hast du Probleme?“ Peinlichs Pupillen verengten sich.
„Ja, die leidigen Probleme“, intonierte er. „Aber haben wir die nicht alle? Nein, das Leben ist wahrhaft kein Zuckerschlecken. Dennoch: Danke der Nachfrage. Es ist immer wieder angenehm, zu spüren, dass es jemanden gibt, der bereit ist, einem eine Last von der Seele zu nehmen. Sieh, was tut der Mensch nicht alles, um sich das Dasein erträglich zu gestalten? Man denke nur an die vielen Sprichwörter und Lebenslügen.“
Rudi sog an den Wangen.
„Morgenstund’ hat Gold im Mund zum Beispiel oder „Je später der Abend“, auch „Im Frühtau zu Berge“ oder „Man stirbt nur zweimal“ – alles Trostpflästerchen gegen die vielfältigen Wirren der Existenz! Nicht zu vergessen „Jedem das Seine“ und „Auf der schwäb’schen Eisenbahne“.“
Luft drang in Rudis Mundraum und seine Wangen federten in die Ausgangsstellung zurück.
„Wie bitte sollten einem diese süßen Verbalkrücken Trost und Stütze bieten, die Bitterkeiten des Dolce Vita zu erdulden, wenn sich nicht hin und wieder Hinz oder Kunz erkundigte, wie es einem so gehe? Probleme? Nein! Und selbst?“ So du Beule, dachte Peinlich.
Rudi schob den Zeigefinger in die Nase und bohrte. Dann fragte er, wie es Margit gehe. Peinlich schwieg. „Übrigens: Nett, dass du mal vorbeischaust“, fügte Rudi an. Peinlich hieb die Rute mit einem kräftigen Ruck seitwärts. „Ja nett, ne? Ich bleibe übrigens“, verlautete er in einem situativ angemessenen Mezzoforte. Rudi riss den Finger aus der Nase. Hell pfiff die Leine von der Rolle. Zwischen Finger und Nasenloch spannte ein Aule-Faden, der einem Quarterpounder von Popel anhaftete, welcher sich amöboid über die Kuppe von Rudis Zeigefinger schmiegte. Peinlich hakte den Karabiner in den Metallring seitlich des Sitzes.
Steil schoss Rudi über die Wasseroberfläche hinaus, wand sich, stürzte, wendete, flüchtete bald in die Tiefe, bald ins Licht, doch er tobte ohne Verstand. Er hätte unter dem Boot hindurchschwimmen können. Vielleicht wäre die Schnur von der Schraube durchtrennt worden? Doch Rudi begriff nicht, was mit ihm geschah. Peinlich stemmte sich gegen das Sternbord und holte Meter für Meter Leine ein. Rudi hatte zu lange mit der vorgelagerten Entscheidung gehadert, ob er unmittelbar zu Peinlichs Eröffnung Stellung nehmen oder ob er zunächst die Aule-Vertakelung zwischen seinem Finger und seiner Nase kappen solle. Das einzig überzeugende Argument war ihm entfallen. Unscharf und im Gegenlicht erkannte er Peinlichs Silhouette, die auf dem Bootsdeck mit einem chromfunkelnden Gaff herumfuchtelte.
Peinlich indes hielt ein Grinsen nieder, das sich anschickte, sein Gesicht zu bewölken. Da saß er mit eisenharten Mundwinkeln auf einem Küchenstuhl. Rudis Blick irrte zwischen ihm und dem popelbekrönten Finger hin und her. Es knirschte unterm Kiel, das Schiff hob sich, Käpt’n Rudi war auf Grund gelaufen.
Ein Stückchen Land mit einem Häuschen drauf, zum Frühstück süße Brötchen. Die Sorte, die er sich jeden Morgen an Deck hatte servieren lassen, damals in Marseille, als der Kahn wegen des Hafenarbeiterstreiks nicht gelöscht werden konnte. Die Mütze tief ins Gesicht gezogen, die halb verkohlte Pfeife zwischen den plaquebeigen Zähnen lehnte Käpt’n Rudi gegen die Reling und guckte zu, wie es sich über dem Horizont zusammenbraute. Der Wind hatte mittlerweile auf acht Stärken aufgefrischt und das Barometer fiel unaufhaltsam. Melancholisch heulte es in den Antennendrähten. In vier Stunden würde ihn die Flut wieder flott gemacht haben, doch bis dahin sollte es zu spät sein. Das stand so fest wie die Möwe im Robbenschiet. Und sollte er wider Erwarten doch rechtzeitig freikommen: Sobald er am Pier festgemacht hätte, würde er seine Mappe mit den Papieren aus der Kajüte holen, in der Bude am Hafentor einen Räucheraal kaufen, den Fisch in sein Patent wickeln und den erstbesten Zug landeinwärts nehmen: die Alpen, das Zentralmassiv, Transsylvanien, egal. Hauptsache weg hier.
Der Aule-Faden drohte zu reißen. Peinlich erhob sich und klopfte Rudi behutsam auf die Schulter.
„Ich mach uns mal Kaffee“, sagte er klopfend. „Ich schlafe in der Küche. Schließlich ist es ja deine Wohnung.“ Noch glomm eine letzte Glut von Aufruhr in Rudi. „Und jetzt friss erst mal deinen Popel“, sprach Peinlich seinem Käpt’n Mut zu und machte sich daran, die Utensilien zum Kaffeekochen zusammenzusuchen. Während er die Kippen aus dem Filteraufsatz klaubte, saß Rudi kauend in einem Zugabteil zweiter Klasse, im Rücken das Meer, vor sich die Berge, neben sich die fettige Papierrolle und in der Hosentasche ein Einfachticket nach Hauptsacheweghier-Hbf.
Mit den Worten „Du suchst dir aber was neues“ meldete er sich zurück, aber da war der Kaffee längst durchgelaufen. Peinlich presste die Lippen aufeinander und blies Luft durch die Nase. Rudi war der jämmerlichste Dünnbrettbohrer, der in dieser Welt je einen Fuß vor den anderen gesetzt hat. Er war es, und er würde es immer bleiben.
Peinlich stand am Küchenfenster und blickte in den Hof. Er kaute ein erzartiges Butterbrot mit Leberwurst. Draußen tobte der Stellungskrieg. Ringelpullover beschossen Hosenmätze mit Granatwerfern. Tauben saßen unbeteiligt auf einem Sims unter der Dachrinne des gegenüberliegenden Hauses und warteten auf ihre Vergiftung.
„Was bin ich?“ fragte sich Peinlich. Er dachte keineswegs an das mittlerweile längst abgesetzte, während der Ära seiner Ausstrahlung jedoch so populäre Fernsehquiz, das eben diese Frage zum Titel hatte. „Was bin ich?“ fragte sich Peinlich, kauend und aberkauend, den Blick in den Hof gerichtet. Nein, er meinte die Frage ernst.
„Ich bin einer von vielen.“ „Ich bin normal.“ Sein Blick blieb an einem verlassenen Vogelnest hängen, das in der Nische eines Speisekammerfensters vertrocknete. „Die Größe des Universums ist unermesslich.“ „Jeder ist sich selbst der Nächste.“ Das reichte. Kaum hatte Peinlich vier Pfähle in den Schlick gerammt, glaubte er, er könne ein Haus darauf errichten. „Was zeichnet mich aus?“ modifizierte Peinlich seine Frage und schrumpfte auf die Hälfte seiner bisherigen Größe zusammen. „Selbstsucht zeichnet mich aus.“ Er brach unter einer kinderleichten Latte zusammen, die er für den Fußboden hatte verwenden wollen und eben noch ohne Schwierigkeiten anheben können. „Ich bin normal“, insistierte er, biss die Zähne aufeinander und wischte sich Blut aus dem Gesicht. „Ich bin selbstsüchtig.“ „Alle Menschen sind schlecht.“ Peinlich stürzte ein Baugerüst hinab, über dessen Herkunft nachzudenken er keine Zeit fand, da er selbst Objekt des Sturzes von eben jenem Baugerüst war. Hier schürfte er sich an einer zementverkleisterten Planke den Rücken auf, dort gab unter dem Gewicht seines Körpers beim Aufschlag auf eines der Gerüstrohre knirschend eines seiner Schlüsselbeine nach. Unten angelangt schlug Peinlich in den Dreck, wand sich und kotzte ein bisschen. Vor seiner Nase glibberte eine Schnecke durch den Schlamm, zu seinen Füßen wuchs ein Büschel Kraut aus dem Modder, und über ihm zogen allerlei lustige Schäfchenwölkchen am Himmel entlang, vielleicht war es aber auch bedeckt.
Während der Schmerz unmerklich nachließ, machte sich Erleichterung in ihm breit: Er war ein Lach-Nazi.
Erneut formulierte Peinlich seine Frage, diesmal mit dem gestellten Unterton von Gralsmystik und Selbstverachtung: „Was bin ich?“ Er antwortete übernächtigt und in bester Laune: „Ein Lach-Nazi!“ Mehr war nicht erforderlich. An einer Stellwand vorbei trat er ins Scheinwerferlicht.
„Sehr geehrte Damen und Herren daheim vor den Bildschirmen, liebe Gäste im Studio, ehrwürdige Jury“, tönte Robert Lembke (er trug einen sonderbaren, blaubraunen Anzug, der Peinlich zu klein gewesen wäre). „Ich denke, ich brauche Ihnen unseren heutigen prominenten Gast nicht vorzustellen: Es ist Peinlich, von Beruf Lach-Nazi.“ Das Studiopublikum applaudierte. Es war heiß auf der Bühne. Peinlich wurde von den Mitgliedern der Jury gemustert. Er war müde und setzte sich auf die Kante eines Tischs, auf dem eine Schale mit Keksen, Gläser und zwei Spardosen in Form von Reichsadlern standen. „Mein Glas! Aufstehen!“ zischte Lembke, als Peinlich eines der Gläser an den Mund setzte. Dann fragte ihn der Quizmaster, wie es ihm gehe. Peinlich schluckte und erhob sich. Er war sich nicht sicher, ob die Frage ihm gegolten hatte. Verstohlen wandte er sich zu den Keksen um. Wenn er bloß nicht die ganze Zeit über würde stehen müssen.
„Na ja, so lala“, antwortete Peinlich schließlich. „Es muss ja. Danke der Nachfrage.“
„Und? Gibt's was Neues?“ konterte der Quizmaster.
„Alles beim alten“, gab Peinlich zurück. „Und selbst?“
Fünf Hostessen in Hakenkreuz-Saris betraten die Bühne und verbanden den Jurymitgliedern mit verschiedenartigen Binden die Augen. Eine der Binden trug die Aufschrift „Ordner“, eine andere „Verkehrspolizei“, der Spaßvogel bekam eine Damenbinde umgebunden und die Dame der Jury eine Binde für Blinde.
„Der Jury sind nun die Augen verbunden. Es kann losgehen“, erläuterte Lembke, packte Peinlich am Ärmel des übergroßen Anzugs, in den man ihn vor der Show gesteckt hatte, und zerrte ihn vor eine Stellwand, auf die eine Zielscheibe aufgezeichnet war. „Im Namen des Volkes daheim vor den Fernsehgeräten bitte ich sie, uns ihre typische Handbewegung zu zeigen. Zeigen sie uns ihre typische Handbewegung“, befahl Lembke. „Bitte!“ Ein Scheinwerfer strahlte Peinlich ins Gesicht. Wenn er es täte, würde man ihn in Ruhe lassen. Das hatte man ihm versprochen. Widerwillig hob er den Arm zum Hitlergruß. „Und? Ist das alles?“ fauchte Lembke. Peinlich steckte die Linke in die Tasche der Anzughose und kratzte sich am Sack. Dabei erspürte seine Hand im Inneren der Tasche einen erbsenkleinen Gegenstand. „Na? Wird's bald!“ durchschnitt Lembkes Stimme die Stille. Also simulierte Peinlich ein Lachen. Es geriet nicht besser als das Lachen, das sie ihm vorgemacht hatten. Lembke, die Jury, das Publikum, aber sicher auch der größte Teil der Fernsehzuschauer daheim brachen in tosenden Applaus aus. Peinlich wartete, bis sich der Jubel gelegt hatte, dann fragte er, ob er jetzt gehen dürfe. Daraufhin brach der Applaus von Neuem los, nunmehr allerdings durchmischt mit Gelächter.
Lembke wies ihm einen Stuhl an. „Ja, welches Reichsadlerl hätten's denn gern?“ fragte er, als Peinlich Platz genommen hatte, und setzte damit voraus, dass Peinlich überhaupt einen Reichsadler wollte. Peinlich war todmüde und wollte ins Bett. Wenn überhaupt, so hätte er vielleicht einen der Kekse gewollt. Er zeigte grob in die Richtung, ohne dass Lembke aus der Bewegung hätte erkennen können, welcher der tönernen Symbolvögel gemeint war (faktisch war kein Adler gemeint – Peinlich wollte lediglich seine Ruhe haben). Peinlich befühlte den weichen, ellipsoiden Gegenstand in der Hosentasche. Lächelnd wuchtete Lembke eine der Spardosen vor Peinlich auf die Tischplatte. „Sie kennen die Regeln?“ behauptete er. Peinlich kannte sie nicht. „Wer beginnt?“
„Ich“, meldete sich die Dame mit der Blindenbinde.
„Sie haben das Wort“, übergab Lembke.
Glockenhell erklang ihre Frage aus dem roten Mund unterhalb der drei schwarzen Punkte auf gelbem Grund: „Sind sie vielleicht ein Lach-Nazi?“ Peinlich fragte sich, was das sein könne. Ob es aus Gummi war? Die Oberfläche fühlte sich gewissermaßen klebrig an. Lächelnd trat ihn Lembke gegen den Knöchel.
„Wie bitte?“ stammelte Peinlich. Er ließ den Gegenstand los und legte die Hände auf den Tisch. Vielleicht würde man ihn in Ruhe lassen, wenn er sich konzentrierte?
„Nun, sind sie ein Lach-Nazi?“ wiederholte die Dame kokett. Mit „ja“ antworten, immer mit „ja“. So war er instruiert worden. Peinlich wandte sich Lembke zu. Der erwiderte den Blick wässrig, hielt den Mund geschürzt und nickte unsichtbar.
„Ja“, sagte Peinlich. Er war hundemüde und hätte sich gern der Länge nach ausgestreckt. Das Publikum, die Jury und sicher etliche tausend Holzköpfe vor den Fernsehapparaten applaudierten infernalisch. Die Jury nahm die Binden ab.
„Tut mir Leid“, jammerte Lembke und klopfte Peinlich kongenial auf die Schulter. „Tut mir wirklich furchtbar Leid, dass es so schnell ging. Leider ist ja kein einziger Reichstaler in ihrer Spardose gelandet. Wirklich zu schade.“
„Schon ok“, versuchte Peinlich zu vermitteln. Ist ja nicht mit anzuhören, dachte er. Es schien dem Ende entgegenzugehen.
„Ihre Handbewegung und das Lachen wird sie verraten haben“, mutmaßte Lembke. „Haben sie dennoch vielen herzlichen Dank, dass sie zu uns ins Studio gekommen sind. Ich wünsche ihnen weiterhin viel Erfolg.“
„Ja“, sagte Peinlich. Für Gummi war es zu weich. Schaumgummi vielleicht? Aber dafür war die Oberfläche zu zäh. Möglicherweise hohl? Lembke schüttelte ihm die Hand. Die Linke behielt Peinlich in der Hosentasche.
„Auf Wiedersehen!“ grüßte der Quizmaster. Hoffentlich nicht, dachte Peinlich. Eine Hostess geleitete ihn hinaus.
Hinter der Bühne übernahmen ihn zwei bewaffnete SS-Männer. Sie führten ihn die Treppe hinab durch den weißgekalkten Kellergang bis zurück in seine Garderobe. Peinlich setzte sich an den Schminktisch vor den großen Spiegel mit den Glühbirnen drumherum. Die Posten standen zunächst noch im Gang und unterhielten sich. Bevor ihre Schritte dann verhallten, rüttelte einer an der Tür, wie um zu prüfen, ob sie auch verriegelt sei. Erst jetzt nahm Peinlich den kleinen Gegenstand hervor. Es war eine Art Tablette. Eine zähe Gelatinehaut umschloss eine trübe, dunkelblaue Flüssigkeit. Obenauf war eine kleine Luftblase.
Peinlich trat vom Küchenfenster weg, legte den Rest der Leberwurststulle in den Abwasch, nahm seine Jacke und verließ Rudis Wohnung. Er stieg die Treppe hinab, durchquerte den Hauseingang, bog nach links ab und ging der darmkranken Backsteinrückseite der Kapelle des St. Martin Friedhofs entgegen. Er passierte die Hermannstraße und marschierte an zig steinernen Engeln und traurigen Omis vorbei über den Friedhof. „Was bin ich?“ Ernsthaft, blindwütig und ohne zu wissen, was er tat, hatte er sich diese Frage gestellt. Er war unachtsam gewesen. Er hatte einer Unsicherheit Gelegenheit gegeben, sich anzupirschen (Unsicherheiten sind stille und einzelgängerische Jäger). Sie hatte die Gelegenheit genutzt. Peinlich spürte sie, wie der Hund den Briefträger.
Durch die taufeuchte Zeltbahn drang nur ein Schimmer. Etwas musste ihn geweckt haben. Ein Geräusch. Peinlich erinnerte sich an kein Geräusch. Er richtete sich auf und öffnete den Reißverschluss des Schlafsacks, bis seine Arme frei waren. Kalt sickerte es in die Daunen. Es musste früh am Morgen sein. Neben dem zusammengerollten Pullover, der als Kopfkissen diente, lag die Pistole. Ein Knacken, vielleicht ein Atemgeräusch? Jedenfalls ein Geräusch. In rosa Seidenunterwäsche gehüllt verhieß eine Stimme Peinlich schöne Träume, wenn er sich nur wieder zudecken und weiterschlafen wolle. Die Pistole war kalt und schwer. „Schlafe“, säuselte die Stimme, „und vergiss, was du, indem du mir lauschst und meinen Handel erwägst, bereits zu vergessen im Begriff bist“. Lautlos entsicherte Peinlich die Waffe. Er lauschte dorthin, von wo das Geräusch gekommen sein musste. Zeit verstrich, während er mit chirurgischer Präzision die um das Zelt schleichende Stille in ihre Bestandteile zerlegte. War er in Gefahr? – Er war erwacht. Das war alles. Es würde still bleiben. Peinlich schob den kleinen Metallfinger am Schaft der Waffe zurück, bis der kleine rote Punkt verdeckt war. So war es richtig. Dann legte er den Gegenstand zurück neben das Kopfkissen und streckte sich aus. Eine höhere Instanz hatte ihm den Befehl erteilt, aufzuwachen. Peinlich zog den Reißverschluss wieder zu. Die Instanz hatte mit ihrem Handeln nicht auf sich aufmerksam machen wollen. Nein, sie hatte ihn geweckt. Die Daunen wärmten Peinlich. Es war kein Indiz. Es war der Beweis für das Vorhandensein einer Gefahr. Er selbst war es! Er hatte sich selbst geweckt. Aber warum? Um diesem schlaftrunkenen Etwas zu begegnen, das sich leichtgläubig auf die Seite drehte, um weiterzuschlafen? Diesem Schwächling, der sich für harmlos hielt? Krachend fuhr der Blitz in einen salzwassergetränkten Scheuerlappen. Nein, er war nicht harmlos. Er war Peinlich. Er war gefährlich, und er war in Gefahr. Peinlich setzte sich auf und öffnete den Schlafsack bis hinab zum Bauchnabel. Die Kälte des Zelts trat ein und tat gut. Der Schlaf zog alle Register billiger Verführungskunst. Peinlich aber durchwachte die Dämmerung. Geduldig und in der stolzen Gewissheit, dass seine aufmerksamen Ohren keinen Laut vernehmen würden, wartete er auf ein Geräusch, das nicht kam.
So überquerte er den Friedhof, lief durch den Park und kreuzte die Karl-Marx-Straße. Nachdem er sich vergewissert hatte, dass auf die Bronzegruppe am Karl-Marx-Platz in gehabter Manier die Tauben kackten, lief er weiter über den Richardplatz in Richtung Sonnenalle. Er passierte das abgesplitterte Emailleschild seines Zahnarztes, bog in die Innstraße ein, spuckte aus, als er auf der Brücke angelangt war, und erwartungsgemäß fiel die Spucke in den Neuköllner Schifffahrtskanal. Als er die Stadtmauer erreichte, kam Peinlich für einen Moment zum Stillstand (vielleicht stand ja die Stadtmauer damals noch?). Ohne ein Gefühl von Verwirrung oder Missbehagen wandte sich Peinlich um. Er ging das Kielufer entlang, an den Schrottplätzen vorüber. Er umrundete den Wildenbruchpark, drückte sich am Rathaus Neukölln durch die Menschenmenge, die die Treppe zur U-Bahn emporquoll, und erreichte bald darauf Rudis Haustür.
Während noch Peinlichs Blick über das halb trockene Linoleum schweifte, berührte
etwas seine Schulter. Es war ein Finger (nein, nicht Margits Finger). Das Gliedmaß
war Teil einer jungen Frau, der Peinlich nie zuvor begegnet war (sie hieß Lenka).
Von rechts hinten hatte ihm Lenka auf die linke Schulter getippt, woraufhin
Peinlich eine Drehung von zwei Dritteln eines Ganzkreises gegen den Uhrzeigersinn
vollführt hatte, was sonst nicht seine Art war. Er blickte in ein spezifisches
Grinsen, das zu einem ihm bekannten spezifischen Grinsen unweit von Lenkas spezifischem
Grinsen in einem Verhältnis stand wie Laubbäume zu Nadelbäumen. Peinlich blickte
in einen Mischwald, den kleinsten, den man „Mischwald“ nennen darf.
„Lenka Peinlich – Peinlich Lenka“, introduzierte Rudi. Das Spiegelbild rief in der jungen Frau die Erinnerung an einen Mann wach, einen Onkel, dem Peinlich nie zuvor begegnet war. Sie waren zum Baden ausgeritten. Peinlich hatte vor dem Onkel auf einem kolossalen Pferd gesessen. Der Onkel hatte seinen gewaltigen Arm um Peinlichs damals noch flache Brust gelegt. In der anderen riesenhaften Hand lagen die Zügel. An einem See angelangt hatte sich der Onkel um das Pferd gekümmert, während Peinlich schon vor Vergnügen quietschend sein Hemdchen, sein Röckchen und sein Unterhöschen auszog. Nackt bis auf die Stiefelchen hüpfte er auf der Uferwiese umher. Der Onkel hatte ihm helfen müssen, die Stiefelchen auszuziehen, denn es waren Schnallen daran, die Peinlich nicht allein öffnen konnte. Dann hatte sich der Onkel ausgezogen. Er war groß und Haare bedeckten seinen Körper. Er hatte Peinlich bei den dünnen Beinchen genommen, ihn auf die Schultern gehoben, und sie waren kreischend und brüllend ins Wasser gelaufen. Immer wieder war Peinlich von den Schultern des Onkels auf dessen Kopf geklettert und von dort ins Wasser gesprungen. Während der Onkel dann Peinlich mit einem Handtuch abrubbelte, hatte er etwas erzählt. Was der Onkel erzählte, muss wichtig gewesen sein. Peinlich erinnerte sich an jedes Wort. Dennoch verstand er nicht. Alles hatte fremde Bezeichnungen. Peinlich verstand auch die eigenen Worte nicht, als er den Onkel zitternd und mit vom langen Bad bläulichen Lippen um etwas gebeten hatte. Obwohl Peinlich die fremde Sprache fließend beherrschte, verstand er nicht, was er sagte. Der Onkel hatte eine Decke ausgebreitet und sich in der Sonne ausgestreckt. Es folgten fremde und bekannte Bilder und Gefühle. Dann lief Rudi neben ihm her. Er sprach Deutsch (zumindest das, was Rudi für Deutsch hielt), und wiederum verstand Peinlich kein Wort.
„Lenka versteht kein Deutsch, kein Englisch, nichts. Nur kein Tschechisch versteht sie nicht.“ Rudi verschränkte die Arme. „Sag was. Sie versteht dich nicht.“
„Ich habe in der Nordsee gebadet, als ich klein war“, ließ Peinlich fallen und machte eine Schwimmbewegung. „Da waren mächtige Wellen, und gefroren habe ich.“ Er simulierte, beim Baden seitwärts von einer Welle getroffen zu werden, und schlotterte ein wenig. Rudi hielt eine Hand vor die Stirn und blickte aufs Pflaster. Gleich fängt er wieder an, von dem Buch zu faseln, dass er irgendwann schreiben wolle, ahnte Peinlich. Rudi fing aber nicht davon an. Dafür ergriff Lenka Peinlichs Arm und schüttelte ihn. Seinen Arm, nicht seine Hand.
„Kál eñ kâ le n’kal en k’“, machte Rudi, und Lenka ging: „Ir û dir ùd ir udï
rûd i“. Peinlich saß am Küchentisch und schälte Kartoffeln. „Schäl mal Kartoffeln!“
hatte Rudi behauptet. Peinlich hatte weder ein Bedürfnis noch eine Abneigung
verspürt, Kartoffeln zu schälen. Er hatte schlicht nicht erwägen wollen, ob
er Rudis Aufforderung nachkommen sollte. Es hätte in seinem Schädel ein taubes
Hin und Her ausgelöst, das sich bestens dazu eignete, genossen zu werden, wenn
man währenddessen Kartoffeln schält. Also hatte sich Peinlich an den Tisch gesetzt
und damit begonnen, von den Knollen der Solanum tuberosum die Rinde runterzusäbeln.
Als dann die kreischende Lenka aus der Küche in Rudis Zimmer flüchtete (Rudi,
im Gleichschritt, hatte sich dabei quasi an ihren Brüsten festgehalten), war
Peinlich bereits der erste Vorteil des Kartoffelschälens aufgegangen. Er bestand
darin, dass man, während man Kartoffeln schälte, in aller Ruhe darüber nachdenken
konnte, was dafür und was dagegen sprach, dass man sich mit eben der Tätigkeit
beschäftige, die man auszuführen just im Begriff war. Leider wollte Peinlich
so ad hoc kein weiteres Pro vor die Linse hopsen. Schälend und mit hängenden
Lidern durchkämmte er seinen Großhirnlappen nach weiteren verloren gegangenen
Geburtstagsgrußkärtchen. Erwartungsgemäß breitete sich alsbald seichte Gleichmut
in ihm aus wie eine bizarr verästelte Struktur über eine weite Ebene. Alles
war ungeheuer kompliziert und beruhigend. So wie Pompeji, dachte Peinlich (er
konnte sich nicht erinnern, je in Pompeji gewesen zu sein – und er war auch
nie dort, außer einmal, im Jahre 79 des Herrn in Gestalt einer Tüte Erdnusslocken,
aber das hatte er zum Glück vergessen).
„Jebej me!“ keuchte es fröhlich aus Rudis Zimmer.
„Aber hallo!“ japste Rudi.
Irgendein Dösbattel hatte einen verlassenen Ozeanliner mit einem einzigen armdicken Tampen an der Mole vertäut. Nun sog die Tide den unbeleuchteten Pott in die Nacht hinaus, und unklar war eigentlich nur, ob die Strippe reißen oder ob der Poller den Geist aufgeben würde (vermutlich dort wo zwischen Rost und Beton Tang und tote Krebse vor sich hinfaulten). Peinlich klaubte einen weiteren Erdapfel aus der Bintjetüte. Pompeji ödete ihn an. Es war eine Sackgasse: groß, kompliziert, langweilig. „Modern Peeling“ hätten es die Schweine in den PR-Abteilungen getauft. Peinlich langte in die Tüte. Das Wissen um Rudis und Lenkas schmatzendes Gekober, ihr quietschendes Vögeln, ihr donnerndes und ratterndes Gebums und Gefick’, ihr elendiges Gebohner, Gehack’ und Gebürst’, ihre horrend’ aufreitende Beschälerei hätte die Rammlerpopulation der Lüneburger Heide in eine tiefe Glaubenskrise gestürzt. Lenka schrie, Rudi schwieg. Sich vorzustellen, warum Rudi schwieg, widerstand Peinlich unter Preisgabe der letzten Zwiebackreserven. Dann waren die Kartoffeln geschält, geschnitten, gewässert, die Schalen in die Abfalltüte befördert, das Schälmesser abgespült, abgetrocknet, ins Schubfach zurückgelegt, der Tisch abgewischt, Peinlich juckte sich, fertig.
Lenka sah Peinlich an, als sei sie ein Pavian, und er sei ein Versuchstier,
das sie ungemein belustige, stand auf und ging aufs Klo.
„Sag ich doch! Sie versteht dich nicht“, prahlte Rudi. „Aber drei Worte Deutsch hat sie gelernt.“
„Als da wären?“ erkundigte sich Peinlich voreilig und befürchtete das Schlimmste.
Rudi war dabei den Inhalt der Einkaufstüten auf den Küchentisch zu häufen. Mit einer eleganten Drehung nach rückwärts schaltete er das fettüberkrustete Dampfradio ein, das am Herd stand. „Ficken, Fressen, Fernsehen“, verkündete er. Dein Glück, dachte Peinlich.
„Und wie viele Worte Tschechisch hast du gelernt?“ fragte er fairerweise.
„Richtig“, gestand Rudi und wandte sich zur Tür. „Lenka, wie heißt „Ficken, Fressen, Fernsehen“ auf Tschechisch?“
„Ficke’, Fresse’, Fernse’n“ sang Lenka. Mit klarer, tragender Stimme sang sie die drei Worte über die Erkennungsmelodie von Radio Plsen. Dann sang sie ein tschechisches Volkslied. Rudi regelte die Lautstärke des Radios herunter. Das Volkslied war eine Ballade und machte den Eindruck, als habe es dreißig Strophen (hatte es auch). Zwischen fünfzehnter und sechzehnter Strophe legte Lenka eine Zäsur ein und furzte in die Schüssel.
„Was macht sie eigentlich beruflich?“ scherzte Peinlich zu Beginn der siebzehnten Strophe, als gesichert schien, dass der weitere Verlauf der Darbietung keine Überraschungen mehr bietet. Rudi regelte die Lautstärke des Radios wieder hinauf.
„Was weiß denn ich? Wenn ich sie was frage, hört sie interessiert zu, schaut mich an, und beißt mir ins Ohr.“ Peinlich nickte. „Aber sie hat mir einen Zettel gemalt. Oben steht „Lenka“, darunter „CS“, dann ein Pfeil und dahinter „Rudi“. Aber da kannten wir uns kaum eine halbe Stunde. Ich kam aus dem Kino. Sie stand da so und fragte mich was Tschechisches. Ich meine, hätte ich da unhöflich sein sollen?“
Peinlich schüttelte den Kopf und biss von einer Mohrrübe ab. Er hatte noch nie den Kopf geschüttelt und zugleich von einer Mohrrübe abgebissen.
„Sie könnte Sängerin sein“, verkomplizierte Rudi.
„Sie ist Sängerin“, biss Peinlich kopfschüttelnd ab (ein altersschwacher Pudel im Streit mit einem Badehandtuch).
Als Lenka vom Klo kam, bat Rudi erneut um die Übersetzung der drei Worte ins Tschechische. Sie fiel ihm um den Hals und summte mit gut eingesungener Stimme: „Ficke’, fresse’, fernse’n.“ Dann biss sie zu.
Die Herkunft des Worts „Kondom“ ist ungewiss. Vielleicht war es ein Arzt namens
Condom oder Conton, der dem angeblich wegen seiner zahlreichen unehelichen Nachkommen
besorgten König Charles dem Zweiten von England (1660-1685) empfahl, seinen
königlichen Pumpenschwengel mit einer Fisch- oder Schweinsblase, einem am Ende
zugeknoteten Stück Schafsdarm oder einem Rinderblinddarm zu überkleiden, bevor
er sich in das betreffende irdische Jammertal hinabbegebe. Seiner königlichen
Majestät royaler Potenz gemahnend, lärmte Charles des Zweiten zahlreiche Brut
in den Gängen seines Schlosses. Nicht aber, weil ihm die Rasselbande auf die
Nerven fiel oder weil derer diverse Mütter beständig mehr Unterhalt für ihre
Nachkommenschaft forderten, ließ sich der König von seinem Arzt zu der befremdlichen
Maßnahme raten, nein, er wollte sich vor der damals unheilbaren Syphilis schützen,
die bereits einen stattlichen Anteil europäischer Gehirne (auch königliche)
munter zersetzt hatte. Vielleicht fühlte sich ja King Charlie dem braven Volk
der Engländer oder auch dem Herrgott persönlich verpflichtet, dennoch hin und
wieder den Brunftbusch zu roden? Als Herrscher jedenfalls war es sein Ziel,
den Katholizismus im Lande zu festigen, was aus heutiger Sicht ebenfalls befremdlich
anmuten mag. Charles der Zweite war also Engländer, Kondombenutzer und Katholik.
Wie jetzt?
Gleich einem Schwarm Wale durch die entlaubten Zweige einer ins Wasser gestürzten
Pappel zog eine Herde Zeppeline an den lindgrün gestrichenen Eisenverstrebungen
entlang, die die zahllosen Scheiben der lang gestreckten Glaskuppel stützten.
Als habe Peinlich sein Leben lang darunter gelitten, sich in zu niedrigen Räumen
aufzuhalten, wurde sein Hals, seine Wirbelsäule, wurden seine Beine, wurde alles
an ihm länger. Er wuchs mit jedem Atemzug, den er der Unendlichkeit entgegenexistierte
(selbstverständlich wuchs er nicht messbar. Peinlich war einen Meter und noch
was groß und blieb exakt einen Meter noch was). Er atmete Seeluft, Bergluft,
Abluft, alle Sorten von Schweißluft, den Kaffeeduft, der aus der angrenzenden
Cafeteria in die Halle zog, er atmete die Ausdünstungen von Lack-, Öl- und Kalkfarbe,
Plastikfolie, feuchtem Filz und den Geruch von ununterbrochen angeschalteten
Neonröhren. Außerdem atmete er die Verbrennungsgase, die entstehen, wenn jemand
mit Kreppsohlen auf Sandsteinplatten umherquietscht. Im Gleichtakt mit der riesenhaften
Halle, diesem wunderbaren Schiff, im Gleichtakt mit all seinen Passagieren und
seiner Mannschaft atmete Peinlich ein und wieder aus. Ständig. Ein und aus.
Er beaufsichtigte Gemälde, Skulpturen und Kunstobjekte der jüngeren Moderne, die im Rahmen der Wanderausstellung einer großen amerikanischen Kunstsammlung in der Halle des ehemaligen Hamburger Bahnhofs im Berliner Stadtteil Moabit gezeigt wurden. Es war ein Job. Peinlich wurde dafür bezahlt, dass er existierte. Er erfüllte diese Aufgabe blendend. Die Höhe seiner Bezahlung war unabhängig davon, wie er sich während der Arbeit fühlte. Peinlich fühlte sich vortrefflich. Er trug ein Klemmschildchen. Es sah so aus:
Peinlich
Aufsicht
Natürlich beaufsichtigte Peinlich gar nichts. Nur zufällig deckte sich sein
Verhalten während der entlohnten Beschäftigung mit der Vorstellung, die sich
ein gewisser Stefan von der Tätigkeit einer Ausstellungsaufsicht machte. Er
hatte Peinlich eingestellt. Stefan saß zumeist im Chefsessel eines Bürozimmers
im ersten Stock des Bahnhofsanbaus und wartete. Gelegentlich machte er eine
Runde, um zu schauen, ob die Aufsichten auch brav auf ihren Posten standen und
arbeiteten.
Hohe Trennwände, die in gleichmäßigen Abständen über die weite Ausstellungsfläche aufgestellt worden waren, unterteilten die ehemalige Bahnhofshalle in ein gutes Dutzend großzügiger Räume. Jeder einzelne war geringfügig großzügiger als der Wohnraum, der einem mittelmäßigen Oberstaatsanwalt durchschnittlich zur Verfügung steht. Bei Öffnung der Ausstellung um 1000 Uhr ordnete Stefan den Aufsichten je einen dieser Räume zu.
Die Hände hinter dem Rücken ineinander gefasst überblickte Peinlich sein Revier. Es gab Leute, die ihn beim entlohnten Existieren störten. Dies waren in erster Linie die Ausstellungsbesucher, insbesondere deren sabbernder und randalierender Nachwuchs. „Die Kunstgegenstände bitte nicht berühren“, erlaubte sich Peinlich von Zeit zu Zeit freundlich anzumerken. „Na!“ rief er, wenn er hingegen ein dringlicheres Bedürfnis verspürte, sich zu äußern. Er erhob seine Stimme scheinbar, um zu verhindern, dass Dinge geschähen, die der Ausstellungsleitung unlieb gewesen wären. Dem war jedoch nicht so. Peinlich gab Laut, wenn er dazu Lust hatte. „Flossen weg da hinten!“ brüllte er (oder auch: „Flossen hoch da hinten!“).
„Eine ältere Dame hat sich bei mir beschwert. Sie sei von einer Aufsicht in rotem Hemd aus nächster Nähe angeschrien und beleidigt worden“, rügte Stefan. „Du bist der Einzige, der heute ein rotes Hemd trägt. Sei bitte etwas höflicher zum Publikum, ja? Denk mal darüber nach, ja?“ Es war Rudis Hemd. „Ja“, sagte Peinlich. Sein Hemd hing in Rudis Küche. Es war unauffällig gefärbt. Frisch gewaschen, unauffällig gefärbt, feucht. Peinlich mochte sein Hemd. Rudis Hemd war auffällig gefärbt und trocken. Stefan schien es zu mögen. Peinlich blickte ihm nach, als er in sein Büro zurückschlorrte. Dann fauchte er: „Bengel! Nimmst du wohl deine blatterngeschwärzten Dreckspfoten da weg!“ Die Energie des Bauwerks durchströmte Peinlich. Sie staute sich in ihm auf und brach in unregelmäßigen Abständen aus ihm hervor. Seine Worte brandeten gegen die Wände der Halle wie der Schrei des Seeadlers gegen die Klippen.
Auf Kunstprofessoren war Verlass. Davon gab es massenweise in der Ausstellung.
Peinlich brauchte nicht auf sie zu warten. Ständig kamen neue angewatschelt.
Es war eine erfrischende Meditation. Peinlich unterschied in ungetarnte und
getarnte Kunstprofessoren. Die Vertreter der ersten Klasse hatten bereits eine
Fragen stellende Meute im Gefolge, während er sie kommen sah, die zweite Klasse
wurde von einer Fragen stellenden Meute erst umringt, nachdem Peinlich sich
den betreffenden Kunstprofessor vorgeknöpft hatte. Die Fragen stellenden Meuten
bestanden aus Kunststudenten. Davon gab es massenweise in der Ausstellung. Peinlich
brauchte nicht auf sie zu warten. Ständig kamen neue angewatschelt. Er war sich
sicher, es gäbe mehr Kunststudenten in der Ausstellung als Besucher, denn auch
der größte Teil des Aufsichtspersonals setzte sich aus ihnen zusammen. Die getarnten
Kunstprofessoren streiften meist in Begleitung einer einzelnen Kunststudentin
durch die Ausstellung und waren auf den ersten Blick nicht von Viehdieben zu
unterscheiden. Viehdiebe waren seltene Besucher. Wenn sich Peinlich mit einem
Kunstprofessor anlegte, so strömten von allen Seiten Kunststudenten herbei und
lauschten interessiert der Auseinandersetzung. Sobald der Streit vorüber war,
löcherten dann die Kunststudenten den Kunstprofessor mit Fragen. Weder die getarnten
noch die ungetarnten Kunstprofessoren wurden ihre Meuten los, bevor sie die
Ausstellung verließen.
Der Vogel war ein Kunstwerk eines Künstlers namens „Zwingli“ oder so ähnlich. Peinlich dämmerte dem zur Seite vor sich hin und schaute verloren drein. Es handelte sich um eine genmanipulierte Drossel mit schwarzem Schnabel und schwarzen Beinen, die auf einem weißen, hüfthohen Sockel stand. Bis auf zwei Drähte, die zur Versteifung in die Krallen und Läufe eingearbeitet worden waren, bestand das Tier aus schwarzem Silikongummi. Gemeinsam mit zwei Hundenäpfen, die aus demselben Material gefertigt und in einigem Abstand links und rechts ebenfalls auf Sockeln montiert waren, bildete die Skulptur ein Werk namens „Trilogie“. Obschon der Vogel aus einem toten Stoff bestand, vermittelte er den Eindruck von Verlorenheit, einer Eigenschaft aus der Welt des Lebendigen (die Gründe hierfür sollen an keiner Stelle dieses Buchs erörtert werden). Wisst ihr, schwarzes Silikongummi ist ein seltsames Material. Den meisten Menschen ist es unbekannt. Es ist weich, und seine Oberfläche macht einen fettigen Eindruck, obwohl sie nicht fettig ist. Peinlich war, bis er den Vogel zum ersten Mal erblickt und verständlicherweise ohne zu zögern angefasst hatte, nie damit in Berührung gekommen. Das Tier hatte sich als äußerst elastisch und reißfest erwiesen. Der Schnabel beispielsweise ließ sich um 180° nach hinten biegen und schnellte, wenn man ihn losließ, sofort in seine ursprüngliche Position zurück.
Unmittelbar beim ersten Anblick des Tiers durchfährt den Betrachter die Frage: „Was, wenn dieser Vogel nun echt ist?“ Ein starkes Bedürfnis wächst in ihm, sich durch einfaches Anfassen Gewissheit über die wahre Beschaffenheit des Gegenstands zu verschaffen. Wohnt dem Tier tatsächlich jene seltsame Lebendigkeit inne, die es ausstrahlt? Je länger man die Amsel anschaut, ohne sie zu berühren, desto dringender wird der Verdacht, einen armen, reglosen, negroiden und durchaus lebendigen Vogel vor sich zu haben, der von zehn Uhr früh bis abends um acht auf einen Sockel montiert ist, um fortwährend gepiekst, gewürgt und geknetet zu werden. Wagt der Betrachter dann, das Kunstwerk zu berühren, und fühlt er deutlich, dass die Dramsel mausetot und aus Gummi ist, so kompensiert er seine bisherige Horrorvision von der gequälten Kreatur, indem er den Silikonklumpen nach Herzenslust piekst, würgt und knetet. Dies zu verhindern fühlte sich Peinlich berechtigt, nicht jedoch verpflichtet (er glaubte übrigens das Kunstwerk verstanden zu haben).
So dämmerte er also neben dem Tier vor sich hin und schaute verloren drein.
Einer war hager. Er trug das dunkle Haar verdächtig kurz. Genau genommen sah er aus wie ein Glas Brackwasser, auf dem eine Lache Roy Orbison schwamm. Peinlich dachte gerade, dass er es jetzt mal wieder ganz gut brauchen könne, als der Kunstprofessor an der Spitze einer Horde studentischer Weicheier zwischen zwei Trennwänden hindurch sein Aufsichtsrevier betrat. Der Mann bewegte sich direkt auf den leidenden Vogel zu. Peinlich und der leidende Vogel unterdes fixierten gemeinsam einen Punkt am Horizont. Von Peinlichs und des Vogels Warte aus waren allerdings weder dieser Punkt noch der Horizont sichtbar. Ein hagerer Kunstprofessor, eine Wand von Kunststudenten sowie eine Großstadt standen ihnen in der Latichte.
OK. Das reicht. Jetzt lieber was anderes.
Fernes Glockengeläut. Der Morgen schimmert durch die Vorhänge. Margit kommt
auf einem Brauereipferd ins Schlafzimmer geritten. Ihr Haar ist zerzaust, es
hängen Blätter und Zweiglein darin. Ihr Körper glänzt und zeigt Narben von vergangenen
Kämpfen. Sie trägt einen Stahlmini und einen Ketten-BH. In der Hand hält sie
ein silbernes Tablett, darauf finden sich ein Plastiklöffel und ein geöffneter
Jogurtbecher. Als sie absitzt, erkennt Peinlich, dass sie unter der Blechwäsche
nackt ist. Margit lässt sich auf der Bettkante nieder. Peinlich gähnt, rekelt
sich und reibt sich die Augen.
Margit Du bist erwacht mein
schöner Prinz?
Ich bringe dir nach unsrer ersten Liebesnacht
Ein Jogurt hier -
Daran sollst du dich stärken.
Zuvor jedoch gib Antwort mir
Auf Fragen, die schwer auf meiner Seele brennen.
Hast du auch keine andre, sprich!
Hast eine andre du gehabt?
Peinlich O Margit, sieh:
Was hat man schon?
Der Mensch ist einsam doch geboren,
Und einsam brät er in der Hölle.
Kann einem Mann denn schön’res widerfahren,
Als dass ein lieblich' Weib ihr Lächeln zum Geschenk ihm macht,
Ganz wie du es getan, sag ehrlich, gibt’s noch Fragen?
Margit Ja Peinlich, sprich
– und glaube mir,
Es fallet meinem bangen Herzen gar nicht leicht,
Das heikel’ Thema anzurühren.
Die off’ne Wunde fehlgegang’ner Liebesmüh,
Sie brennt noch fürchterlich in mir.
Doch will ich’s wagen und dir feste in die Augen schau’n.
Mit allem Mut und aller Kraft frag’ ich dich,
Peinlich: Liebst du mich?
Peinlich Na klar, gewiss
doch, jede Wette!
Man sieht’s ganz deutlich doch daran,
Dass ich die Nacht verbracht in deinem Schoß
Und du mir’s Frühstück bringst ans Bette.
Wie könntest du dies tun,
Wenn du nicht spürtest, Kraft Intuition,
Dass ich dich innigst liebte?
So sei beruhigt und reich’ den Becher mir.
Margit Nun denn, ich will
dir glauben.
Doch will ich dir noch nicht den Becher reichen.
Peinlich Das nenn’ ich fies!
Lass dir versichert sein,
Du gehest fehl, ein solches nicht zu tun.
Margit O Peinlich, das mag
sein.
Doch bist du erst am löffeln,
So wirst du nimmer mehr mir lauschen.
Deshalb vernimm: du sagst, du liebest mich.
Wie aber kann ich wissen,
Dass deine Liebe währen wird,
Dass sie, gleich einer steinern Burges Mauer,
Der Zeit wird trotzen,
Dass sie wird jene überdauern?
Peinlich Sie wird jene überdauern?
Margit So sprach ich.
Peinlich O Margit, wirres
Kind:
Die Mauern einer Burg, sie währen ewiglich.
Wenn an den Poren, Ritzen einer solchen Wand,
Man kaum erkennen kann, dass Zeit verronnen,
Sind ganze Sippen schon verreckt
Und neue auferstanden.
Wie kann denn Liebe währen,
Wenn wir zu Erdöl oder Kohle längst geworden sind?
Margit Nun also, sprich:
Wirst du mich immerfort dann lieben?
Peinlich Ja, wenn das so
ist –
Glaube schon, gewiss!
Margit Gut. Findest du mich schön?
Peinlich He! Ist das hier
ein Quiz?
Ich dacht’ du brächtest Speise mir.
Margit So sprich!
Peinlich OK. Ich wiege wohl
ganz gern
In meinen hohlen Händen deinen Busen.
Margit Nun, das kann ich
sehr gut verstehen.
Ich schmiere ihn auch täglich mit einer Extra-Busen-Creme.
Doch bin ich deshalb schön?
Peinlich Oh, unbedingt! Ich
meine, …
Du weißt schon, was ich meine.
Margit Willst sagen, die Figur …
Peinlich Famos!
Margit Und auch die Nase nicht zu groß?
Peinlich Ein wenig nur.
Doch dafür hast du lange Beine.
Margit Mein Gott, das ist ja wunderbar.
Peinlich Ich glaub’, mein Schatz, es hungert mich.
Margit So bin ich also schön.
Doch bist du sicher, dass du dich nicht irrst?
Peinlich Na ja, …
Margit Halt ein!
Mir bangt, du könntest dich besinnen!
Ich will vielmehr mit adlergleicher Kühnheit
Die Dreistigkeit besitzen, an dich zu appellieren,
Sprich Peinlich: Hat es dir Pläsier berei't,
Heut Nacht mit mir zu kopulieren?
Peinlich Es war nicht schlecht.
Margit Was soll denn das
bedeuten?
Wohl dass es schön war, willst du damit sagen.
Doch jäh bricht Zweifel in mir auf:
War’s etwa schöner noch, mit einem jener Frauenzimmer,
Mit denen du die Zeit vertan,
Als sehnlichst du gewartet hast, tagein, tagaus
Darauf, dass du mich träfest, um meine Hand zu greifen
Und auf den Finger mir den güld’nen Ring zu streifen?
Peinlich He! Finger? Ring?
War denn vom alkoholisch’ Brennevin
Der Sinne ich beraubt?
Ich weiß von keinem Ring.
Margit Ich will nur sagen:
Was nicht ist, das kann noch werden.
Wir sollten also warten, das gehöret sich.
Doch sprich – sonst gibt die Seele keine Ruh’:
Hast du, als du dich einst in andres Weibervolk ergossen,
Noch größ’re Lust verspürt, als heute Nacht mit mir?
Mir schien du wolltest platzen.
Peinlich Was jeglichem Vergleiche trotzt
An unserem Beisammensein,
Das war die Diskussion ums Pro und Contra „das Kondom“
[†] ,
Die wir zu führen hatten,
Bevor ich, in die Gummihaut gehüllt, dann in dich drang.
Fast war’s vom Reden mir verlitten.
Zwar auch des Aidsens
und der vielen and’ren Dinge wegen,
Die sich dabei zu übertragen pflegen,
Ist es in höchsten Maße Pflicht,
Denn: Prävention muss sein, will man keine Kinder nicht!
Margit Mein Liebster: Ich
will Kinder schon.
Doch lass uns jetzt nicht darum streiten.
Gedenk’ des Sprichworts, das da geht:
„Was du heute nicht geschoben,
Das besorge ihr halt morgen.“
Froh bin ich des Gefühles angesichts,
Dass du die erste Nacht mit mir für unvergleichlich hielt'st.
Peinlich Das ist der rechte
Terminus!
Wohl an! Wie steht es um das fruchtig’ Frühstücksmus?
Margit Sogleich. Zuvor noch schwör mir ewig’ Treue.
Peinlich Ja, wenn ich muss:
Ich schwöre.
Sag, welche Sorte ist es?
Erdbeer’ oder Haselnuss?
Margit Nein, diese Gier! Gedulde dich!
Peinlich Ist es etwa Magermilch? Ist’s Müsli oder Malaga?
Margit Ich zog den Deckel
ab, darauf es stand,
Und warf ihn in den Abfallsack.
Und weißt du, was mein Blick erspäht’,
Inmitten all des Unrats dort? -
Du wirst des Nachts, als du zum Urinieren wanktest,
Es wohl zum Mülle fortgetragen haben:
Das gestrig’ Gummihemmnis, gut gefüllt vom Liebesfluidum,
Dem schleimigen Ergebnis unsrer wilden Müh’.
Es wollt’ mir fast das Herze brechen,
Als ich die ehemalig munter Schar
So tot und ungenutzt vor Augen sah.
Peinlich Genug der Worte,
sei bereit!
Das Jogurt rühre!
- und sei es Knollenblätterpilzgeschmack -
Auf dass es wird zu einem zähen Trunk.
Margit Mein Peinlich, du
sprichst ernst.
Was fliegt dich an? Ich höre Flötentöne!
Peinlich Ich glaub’ du hast
jetzt lang genug gerührt.
So reich’ den Becher mir,
Und sei bereit, die Hälfte dieses Trunk’s
In deinen Schlund zu kippen.
Isolde reicht Tristan den Becher. Er trinkt und lässt ihn an sie zurückgehen.
Sie leert den Becher bis auf den Grund. Beide stoßen hin und wieder auf, während
sie einander unverwehrt anstarren. Dann singen sie …
Vom Ausstellungseingang führte eine breite Treppe hinab in die Ebene, über die
Plastiken, Objekte sowie die weißgetünchten und bilderbehangenen Trennwände
verteilt waren. Peinlich riss Eintrittskarten ab. Ihm gefiel, wie kraftlos sie
an ihrem Platz stand.
Sollte sich der erste Akt der Empfängnisverhütung – sicher im streng katholischen Sinne, also ohne Mechanik, aus bloßem Willen, bloßer Wut heraus exerziert – ganz egal, ob sie es war oder er, der da Interruptio übte (oder vorschlug? Sprach man bereits? Und sprach man über Verhütung?) – sollte sich also dieser erste Verhütungsakt mit der Menschwerdung gleichsetzen lassen? Sollte er wirklich?
Sich zu setzen, war untersagt. Vom Liegen hingegen hatte Stefan nie gesprochen. Die da in der Ausstellung streckte sich hin und wieder auf den Bodenplatten aus und avancierte damit von einer Aufsicht über Kunstwerke zum Kunstwerk selbst. War ihre Verwandlung vollzogen – das heißt waren die Ausstellungsbesucher dazu übergegangen, ihre Erscheinung ebenso zu ignorieren wie die anderen Kunstgegenstände und überhaupt alles, was vorhanden und schön, weil vorhanden war –, so erhob sie sich wieder. Vielleicht stand sie aber auch auf, weil ihr auf dem Boden kalt wurde. Peinlich nutzte die Gelegenheit, um aus dem Cockpit seines zebragestreiften Sportfliegers in die Savanne hinunterzuspähen. Und tatsächlich: Beim Aufstehen ähnelten ihre Bewegungen denen einer neu geborenen Giraffe. Bemerkenswerterweise aber musste Peinlich, je öfter sein reißerischer Blick den Weg hinab in die Ebene fand, desto zwingender an ein doppelläufiges Nashorn denken. Keiner weiß, warum.
Beide Kleider waren selbst genäht und erst vor Kurzem fertig gestellt worden. Ihre Länge hatte sich aus dem Spiel zweier einander entgegengerichteter Kräfte ergeben:
1.) ihrer Sparsamkeit beim Stoffkauf,
2.) ihrer Schamhaftigkeit in Sachen öffentliche Zurschaustellung der tiefer gelegenen Rumpfhälfte.
Zwei Tage war sie in dem grünen Kleid erschienen. Nach einem präventiven Gesundheitstag in Jeans und Wollpullover hatte sie sich in ihrem roten Kleid gezeigt. Dann blieb sie für vier Tage weg. Peinlich nahm an, dass sie sich erkältet hatte. Sie lag daheim auf dem einzigen Sofa im einzigen Zimmer ihrer einzigen Wohnung, schlürfte Pfefferminztee, guckte fern, telefonierte und ärgerte sich, dass sie sich erkältet hatte. Außerdem schmiedete sie Pläne für ein gelbes Kleid.
Nachts, wenn die Stille, die eingekehrt war, darauf schließen ließ, dass Rudi
und Lenka – nachdem sie es einander besorgt hatten – simultan einem Herzanfall
erlegen oder eingeschlafen waren, dämmerte Peinlich, pappsatt von einem Svícková
und den Bramborák oder dem Knedlo-vepro-zelo mit nachfolgenden Powidltatschkerl
oder einem kapr ve smetanové omácce oder wie immer das geheißen hatte, womit
sie sich den Abend lang abgemüht hatten; nachts also dämmerte Peinlich in Rudis
Küche auf einem ollen Futon vor sich hin und wichste. Nicht oft – fünfzehn bis
einhundertzwanzigtausend Mal – nestelte er dabei über die unsauber vernähten
Säume ihres grünen und roten Kleids. Peinlich onanierte nicht aus Leidenschaft
(auch nicht, um einschlafen zu können – er konnte sowieso nicht einschlafen).
Das Wissen um den Abwasch, der sich gut einen Meter schräg über ihn auftürmte,
die Erinnerung an ein Gemälde von Kandinsky oder an Agneta, Louise, Petunie,
Silke, Vera, Yvonne oder an wen oder was auch immer, der Teigwarenkonsum im
Nordosten der Halbinsel Kola während des Frühsommers 1931 oder eben auch der
ampelfarben bedeckte Unterleib von der da in der Ausstellung – alles war ihm
gleich. Dennoch führte die repetitive Stimulation gewisser Körperpartien schließlich
dazu, dass Peinlich die Bettdecke umdrehte, die Rudi ihm gegeben hatte, denn
er liebte es schon seit langen nicht mehr in der eigenen Suppe zu übernachten.
Dann blickte er aus dem Fenster auf das Sims, auf dem schwarze Tauben schliefen,
oder er blickte auf das schwarze Dach über dem Sims, auf dem schwarze Tauben
schliefen, oder er blickte auf den schwarzen Himmel über dem schwarzen Dach
über dem Sims, auf dem schwarze Tauben schliefen. Mit anderen Worten: Er wartete
geduldig auf das Ende seiner Wachphase.
Aus der Ionosphäre stürzte ein zweihundert Tonnen schweres Kaffeefilter in den
klappdeckelbewehrten Mülleimer unweit von Peinlichs Kopf.
„Na, Arsch!“ brüllte Rudi.
„Gaah“, erwiderte Peinlich. Das Organ Satchmo’s machte sich gegen seine Stimme aus wie der Popo der zweijährigen Grace Kelly. Wenn sie so bliebe, die Stimme, überlegte Peinlich, könnte er versuchen, als Schlagersänger für tiefe Lieder Karriere machen. Rudi ließ dem Kaffeefilter das Skelett des Karpfens folgen, den sie am Vortage verspeist hatten. Peinlich räusperte sich und schluckte runter: „Gut geschlafen?“ Es klang bereits feinkörniger. Rudi lutschte sich Sahnesauce von den Fingern (Karpfen in Sahnesauce). Er tritt zu kräftig auf das Fußpedal des Mechanismus’, der den Deckel des Mülleimers öffnet, dachte Peinlich. Auch dachte er, dass Rudi diesen Deckel nicht müsse ungebremst zuschlagen lassen.
„Natürlich gut geschlafen. Und selbst?“
„Natürlich“, widersprach Peinlich. Er erwog, Rudi zu verraten, dass alles Künstliche ebenfalls natürlich sei, doch eine Lautsprecheransage forderte ihn unmissverständlich auf, sich umgehend und schweigend in den Waschsaal zu begeben.
In der Küchentür begegnete ihm Lenka. Fast hätte Peinlich etwas gesagt. Aber da schüttelte sie bereits den Kopf.
An diesem Morgen verbrachte Peinlich 16 Minuten und 46 Sekunden in Rudis Badezimmer. Dort gab es eine Badewanne, ein Waschbecken und ein Klo. Gegen die Wand über dem Waschbecken lehnte eine zahnpastabespritzte Spiegelscherbe.
- Was es in Rudis Badezimmer gab, ist nebensächlich.
Unter dem Lack, mit dem die Wände vor langer, langer Zeit angepinselt worden waren, trieb der Hausschwamm Blasen.
- Alter, deine Geschichte treibt Blasen. Was der Hausschwamm treibt, ist belanglos. Jedenfalls treibt es deine Geschichte nicht voran.
Hier und dort ragten weiße, flauschige Kristalle aus der Wand. Und der Putz bröckelte auch ab.
- Sag mal, was willst du eigentlich erzählen? „Und der Putz bröckelte auch ab“ – selten so einen Mist gehört!
Im Badezimmer tat Peinlich Folgendes: Er wusch sich (Gesicht, Hände). Er putzte sich die Zähne (dens).
- Na also!
Er rasierte sich (barba).
- Wie „Na also!“?
Er befeuchtete sich die rasierten Hautpartien mit Rasierwasser (aqua barba).
- Action, Alter! Action ist angezeigt!
Er pinkelte (Pippin der Mittlere).
- Verben, verstehst du? Bring‘ Verben!
Er quetschte an einem Pickel herum, der im Bereich seines linken Nasenflügels aufkeimte, sich jedoch trotz massiven Drucks nicht öffnen wollte (sforza grande).
- Wie „Verben“?
Dabei betrachtete er sein Gesicht in der Spiegelscherbe (guckscherb).
- Na Verben halt, Tuwörter!
Er kämmte sich (striegelstriegel).
- Hä?
Tabellarische Aufstellung der Dauer der Einzeltätigkeiten im Verhältnis zur Gesamtaufenthaltsdauer Peinlichs in Rudis Badezimmer:
| Lfd. Nr.
|
Tätigkeit
rasierwässern, sich (Gesicht) pinkeln, sich [‡]
|
Bekloppter Klammerkommentar
|
Dauer in min‘ und sec“
______ 30’43“ |
Anteil
an der Gesamtbadezimmerauf-enthaltsdauer (GBAD) 1,89% 3,38%
183,2% |
„Sag mal, wirst du nochmal fertig da drin? Ich kipp’ deinen Kaffe weg, wenn
du nicht bald rauskommst!“
Eine der Marshall-Inseln, Stiller Ozean, Juli ‘46. Peinlich hatte sie als junger Kormoran überflogen. Er entriegelte die Badezimmertür.
„He! Rudolf das Rentier!“, amüsierte sich Rudi.
„Ich bekomme einen Pickel“, statuierte Peinlich. Keine Girlanden. Schlichte funktionalistische Architektur. Jemand bekommt einen Pickel. Die Druckbehandlung hatte ihn initialisiert.
Lenka saß am Küchentisch. Ihre Schneidezähne lehnten in den Rand des Kaffeepotts, den sie zwischen den Händen hielt. Rudi lärmte mit der Klospülung. Peinlich setzte sich und griff nach einer der beiden Tassen, die auf dem Tisch standen. „Rudiho Kàva!“, tönte eine automatische Stimme aus einem Schacht. Peinlich blickte Lenka an. Aus keiner der beiden gleichartigen Tassen war getrunken worden, seit sie mit Kaffee befüllt worden waren. Auf keiner der dampfenden Flüssigkeitsoberflächen schwamm ein Pfefferminzblatt oder ein vermilbter Borkenkäfer oder eine andersartige Veranlassung, in einer der Tassen die Bessere und in der anderen Peinlichs Tasse zu sehen. „Rudiho Kàva!“ wiederholte Lenka, ohne ihre Zähne vom Porzellan zu heben. Dann nickte sie mitsamt dem Gefäß vor dem Gesicht. Wollte sie ihn provozieren? War dies der Beginn eines würgenden Terrors mit dem Ziel, ihn, Peinlich aus Rudis Wohnung zu vertreiben? – Nein, nicht um diese Uhrzeit! Lenka schwenkte die Tasse abwärts und tippte mit dem kleinen Finger gegen ihre Nase. „Ma’s vimrle“, sagte sie. Ausnahmsweise sah Peinlich ein, dass es bekloppt wäre, sich in sie zu verlieben. „Vimrle“, wiederholte er. Es zerging auf der Zunge. Lenka tauchte die Nase zurück in die Tasse.
„Rudiho Kàva!“ blökte sie aus dem Schacht.
„Na, Ärsche! Wisst ihr nicht, worüber ihr euch unterhalten sollt?“ moderierte Rudi, als er die Küche betrat. „Welcher ist mein Kaffe?“ fragte er.
„Sind beides meine“, entgegnete Peinlich. „Ich trete aber gerne einen an dich ab.“ Es war ihm egal.
„Blödmann, in einer Tasse ist Kaffee. In der anderen ist Zucker. Mit Kaffee. Das ist meine Tasse. Klar? Ich nehme an, du magst keinen Kaffee, der so süß ist, dass der Löffel drin steht.“
Möglicherweise ein Gemälde. Vielleicht auch kein Gemälde. Vielleicht sonst was. Peinlich hatte kein Wort dafür. Wenn es sich auf einer Fläche ausdehnt, überlegte er, könnte es ein Gemälde sein. Wenn es jedoch drei oder gar vier Dimensionen in Anspruch nimmt, musste es etwas anderes sein. Oben das tiefe und gleichmäßige Grün einer tannenbewachsenen Berglandschaft kurz nach der Schneeschmelze, unten das morbide Orange einer am Pier aufgeschütteten Schiffsladung Apfelsinen, die in frühsommerlicher Hitze vor sich hinfault. „Grün und Orange“, der Titel. Ein Gefühl sagte Peinlich, dass dort, wo die beiden Farben aufeinander stießen, die Mitte liegen musste. Wissen konnte er es nicht (schließlich konnte Peinlich nicht alles wissen). Vielleicht aber war es nur eindimensional? Oder es umwölbte ihn wie ein Ball, in dessen Zentrum er sich befand? Er rätselte nicht, ob Grün und Orange an ein Drittes grenzten (schließlich brauchte Peinlich nicht alles zu wissen). Es reichte Peinlich, die Mitte zu spüren. Sie fesselte ihn. O ja, Grün und Orange teilten sich den Raum, die Strecke, die Zeit oder die Fläche, die sie beanspruchten. Das war erfreulich, o ja! Doch kümmerte Peinlich allein die Phase, an der die zwei Farbigkeiten aufeinander stießen. Was ging dort vor? War die zweite über die bereits aufgetrocknete erste Farbe gepinselt worden? Wenn ja, welche war zuerst aufgetragen worden? Bewirkte ein osmotischer Druck eine gegenseitige Durchdringung des orangefarbenen und grünen Raumteils? Vielleicht schob ja die wahrnehmungsbedingte Zeitbeugung Grün und Orange an der Schnittstelle der Gegenwart ineinander? Peinlich taufte es: „Grün und Orange“ (obwohl es gewiss keines Titels bedurfte). Er mochte es. Es bereitete ihm Wohlbehagen. Er saß am Küchentisch, sah Rudi an und genoss es, dass sich von einer mutmaßlichen Mitte her alles so unzweideutig mehrfarbig ausdehnte.
„Also, welcher ist meiner?“
„Keine Ahnung. Probier doch!“ Soll er doch probieren, dachte Peinlich. Rudi probierte.
„Der hier ist meiner“, entschied Rudi. „Übrigens hat Margit gestern Nacht angerufen. Du hast geschlafen. War doch in Ordnung, dass ich dich nicht geweckt habe, oder?“ Peinlich nickte. „Weißt du, all das deliziöse Zeugs: Schweinebraten, Knödel, Kartoffelsuppen, Fische in Sahnesauce, jede Menge Krautsalat und hinterher marmeladegefüllte Teigtaschen, aber eben auch ordentlich Zucker in den Morgenkaffee – das ist gut für den Tank. Verstehst du? Ist alles gut für den Tank.“ Er nahm einen großen Schluck aus seiner Tasse. Lenka grinste spezifisch.
Überall auf der Welt wurden und werden vielfältige Mittel und Methoden ausgeheckt,
um Frauen vor Schwangerschaft zu bewahren. Die Effektivität dieser Maßnahmen
weicht stark von einander ab. Eine Auswahl: Die Antibabypille, die Enthaltsamkeit
während der Tage erhöhter Infizierbarkeit ermittelt nach der Knaus-Ogino Methode,
das Diaphragma, das Anhalten des Atems während des Orgasmus, die postkoitale
Scheidenspülung, das siebenmalige Rückwärtsspringen der Frau unmittelbar danach,
der Abspritzer in den Scheidenvorhof (Coitus hispanicus), die rückwärts gewandte
Entleerung in die männliche Harnblase (Coitus saxonicus), die Minipille, die
Zauberbeschwörung, das mit kleinen Batterien versehene Intrauterinpessar, dessen
elektrischer Strom Spermatozoen abtötet.
Peinlich saß im hinteren Teil der Halle auf den Treppenstufen unterhalb einer
der Notausgänge und hatte eine Idee. Vielleicht war es eine schöne Idee. Peinlich
konnte die Idee nicht sehen, weil sie in eine kupferbeschlagene Seekiste verpackt
war, die auf einem blaugrünen Berberteppich stand (aller Wahrscheinlichkeit
nach war der Teppich von allein daher gehüpft und hatte sich selbsttätig vor
Peinlich ausgerollt). Die Beschläge könnten mal wieder gewienert werden, krittelte
Peinlich. Und der Teppich hatte Flecken, als habe vor längerer Zeit jemand für
die Dauer einer Party darauf herumgekotzt, und es sei erst am folgenden Nachmittag
versucht worden, die verkrusteten Zeugnisse des vergangenen Festabends zu eliminieren.
Es war kläglich. Nein, ohne ausdrückliche Legitimation durch ein wild über die
Steppe seines Inneren hinweg galoppierendes Verlangen ließ Peinlich nichts vor
sich abstellen oder ausrollen. Man hatte ihm, ohne jedes Getue gegenüberzutreten.
Etwas in seinem Blickfeld abzulagern, ohne ihn zuvor um Erlaubnis gebeten zu
haben, war nicht statthaft.
Dabei war Peinlich im Hinblick auf die Schöpfung ein durchaus devoter Charakter. Wenn sich etwas bis in seine Wahrnehmung hinein vor ihm aufrichtete, so war er allein für diese Tatsache zu einem Gefühl von Dankbarkeit willig und auch fähig. Ja, Peinlich war ein devoter Teil der Schöpfung – beständig schöpfte er aus ihr. Gelegentlich griff er sogar danach. Peinlich war nämlich ein Sonnenschein. Er war nie ungerecht und der beste Mensch auf Erden. Selbst wenn etwas vor Peinlich abgestellt wurde, ohne dass er darum gebeten hatte, erwog er immer sorgfältig, ob daran nicht etwas Reizvolles sei. Peinlich hatte nämlich keine Meinung. Dazu gehört Mut. Den hat man, wenn einem etwas am Herzen liegt. Peinlich lag alles am Herzen. Er war der Größte. Gott war im Vergleich zu ihm ein hämorridenbekränztes Arschloch. Die Seekiste und die darin enthaltene Idee mitsamt der langzottigen Unterlage liegt offenbar jemandem am Herzen, dachte Peinlich. Er nahm es niemandem übel, wenn man versuchte, ihn zu inspirieren. Nein, ganz im Gegenteil. Aber Peinlich hatte keinen Bock auf die Idee. Nicht auf die, die in der Kiste lag, und nicht auf eine andere Idee. Wie verlockend auch immer feilgeboten. Eigentlich schade drum, denn zweifellos hatte die aufwändige Präsentation Mühe bereitet. Doch im Moment sollte es nicht sein.
Peinlichs Gesäß juckte. Er erhob sich und nahm sich ausgiebig Zeit, es zu kratzen. Dann latschte er ein Stück. Er latschte um zwei Kunstobjekte herum, die er zu beaufsichtigen hatte, und dann latschte er eine weite Acht durch seinen Aufsichtsbereich. Beim Latschen dachte er an nichts. Dann blieb er stehen und dachte an etwas. „Pause“, dachte er. Dummerweise hatte er seine Pause soeben genossen und seine zweite Pause war erst in anderthalb Stunden fällig. Also fand Peinlich, dass er jetzt gern in einem Park spazieren gehen würde. Er latschte zur Treppe zurück und setzte sich wieder. Nein, er wollte doch nicht in einem Park spazieren gehen.
Ein verlorener, stadtbekannter Saufaus ohne einen Pfennig in der Tasche, zieht
mit einem gleichwohl verlorenen, jedoch stadtfremden Besitzer einer hinreichenden
Geldmenge durch die Bars. Der Saufaus bestellt, redet, trinkt, entscheidet,
wie lange man in den jeweiligen Bars zu verweilen hat und wo als Nächstes eingekehrt
wird. Dem Stadtfremden bleibt keine andere Wahl, als zu folgen. Frühzeitig in
sein Hotelzimmer zurückzukehren, käme einem Selbstmord gleich und wäre keine
Alternative. Irgendwann und irgendwo dann beendet der Saufaus den Abend, indem
er haubitzenschwer vom Barhocker kippt und damit dem ehemaligen Besitzer einer
hinreichenden Geldmenge gebietet, sich auf den Heimweg zu begeben. Abermals
bleibt dem Stadtfremden keine andere Wahl. Neben dem niedergestreckten Saufaus
sitzen zu bleiben, käme einem Selbstmord gleich und wäre keine Alternative.
Ziellos durch die Stadt zu taumeln, hindurch zwischen Trupps von Müllkutschern,
die ihre Tour beginnen, und Zeitungslieferanten, die ihre letzten Bündel vor
nachtverbretterte Kioske abwerfen, käme allemal einem Selbstmord gleich und
wäre keine Alternative. Aber vielleicht ruft ihm jemand ein Taxi. Es soll noch
Pragmatiker geben (Barkeeper zum Beispiel). Das wäre freundlich, machte letztlich
aber keinen Unterschied. In unwichtiger Weise darüber verärgert, dass er in
der Kloake von Seele, in der er umherpaddelt, nicht einmal die Illusion vorfindet,
eine Glühbirne zu sein, in die vergessen wurde, der Glühfaden einzusetzen, macht
sich der Stadtfremde auf den Weg, betrübt (ja geradezu i-matt) und ledig des
begehrten Gefühls – nennen wir es beim Namen – dieses Gefühls von „Sinn“.
1 Dose Katzenfutter
1 Tütchen Weckgummis
1 Glühbirne (40 W)
4 Zitronen
4 Schnitzel, gebraten
1 Bund Petersilie
1 Glas Mayonnaise (2500 g)
1 Napf Partysalat
2 Näpfe Budapester Salat
1 Napf Krabbensalat
2 Näpfe Waldorf-Astoria-Salat
9 Tafeln Schokolade
Margit hatte weder den Eindruck, dass ihr Verhalten bei der Auswahl der Dinge,
die sie einkaufte, maßlos gewesen sei, noch meinte sie, in unangebrachter Weise
Enthaltsamkeit geübt zu haben. Alles, was sie aus ihrem Einkaufswagen nahm und
auf das Förderband der Supermarktkasse legte, hatte dort seine Berechtigung.
Margit handelte nie maßlos.
Der Warenberg bewegte sich einen halben Meter auf ihren berechtigten Besitzanspruch zu. Mithilfe der Dinge, die Margit kaufte, würde sie Bedürfnisse befriedigen können, denen sie sich in nächster Zeit gegenüberwähnte. Beispielsweise würde sie, wenn endlich bezahlt war, ihren aktuellen Appetit auf Schokolade stillen können.
Während ihres Rundgangs im Supermarkt war Margit von einem körperlichen Unwohlsein erfasst worden. Beim Vergleich des Inhalts ihres Einkaufswagens mit der Erinnerung an die Inhalte von Einkaufswagen, die sie während vergangener Wochen und Monaten vor sich hergeschoben hatte, war ihr aufgefallen, dass ihre Einkäufe sich verändert hatten. Diese Beobachtung wäre nicht notwendig gewesen, da Margit den Gedanken, der darauf zwingend hätte auffolgen müssen, nicht zuließ. So begnügte sie sich damit, über die Veränderung ihrer Einkäufe verwundert zu sein, und respektierte damit in vorbildlicher Weise die haarfeine Trennlinie zwischen überlebensnotwendiger Hirntätigkeit und ausuferndem Freidenkertum. Die Folge war das erwähnte körperliche Unwohlsein. Es rührte daher, dass Margit den zwingend auffolgenden Gedanken – jenen Gedanken, den sie angeblich nicht zuließ – doch zuließ. Sie fragte sich, warum ihre Einkäufe sich verändert hatten. Möglicherweise hatte Margit anschließend noch weitere zwingend auffolgende Gedanken. So könnte sie vermutet haben, dass sich ihre Einkäufe verändert hatten, weil sich ihre Bedürfnisse verändert hatten. Ob sie allerdings so weit ging, zu fragen, warum ihre Bedürfnisse sich verändert hatten, bleibt fraglich. Jedenfalls dachte sie nach, was ihr zwar kaum anzumerken war, was aber dennoch für ein körperliches Unwohlsein reichte. Margit, clever, wie sie war, brach ihre Überlegung also ab, und das Unwohlsein verschwand augenblicklich.
Manche der Gegenstände auf dem Kassenförderband benötigte sie, um Vorhaben zu verwirklichen, die sie erst während ihres Aufenthalts im Supermarkt ersonnen hatte. Andere würden im Rahmen älterer Planungen Verwendung finden. Einige Gegenstände waren für sich allein geeignet, ein Vorhaben ausführbar zu machen. Andere wiederum sollten gemeinsam der Verwirklichung eines Projekts dienen. Manche der Waren nun kaufte Margit aus einer vordergründig unerfindlichen, vermutlich aber mysthisch, religiös oder gar zauberisch bedingten Motivation heraus. Und dann war da noch was: Warum sie das kaufte, ist unerklärlich. Dennoch hatte die Dose Katzenfutter auf dem Kassenförderband seine Berechtigung, denn es ist keine solide Ethik bekannt, nach der man gleich wann gleich wem das Recht absprechen könnte, jederzeit jeden X-beliebigen Gegenstand käuflich zu erwerben.
Fünf neonfarbene und geldgeschwärzt hornhautwulstumrandete Fingernägel strebten auseinander und das Rückgeld samt Kassenbon fielen in Margits aufgehaltene Hand. Sie machte zwei Schritte zum Ende der Kassenanlage, riss die nächstliegende Schokotafel auf, brach ab, kaute, schluckte, und eine Horde „Party!“ johlender Zuckermoleküle trudelte in einen blutgefüllten Swimming-Pool. Margit stopfte die Ware in ihre Ledertasche, die angebrochene Tafel legte sie obenauf. Mittlerweile hatte sie sich mit ihrer gehobenen Schokoladegeilheit angefreundet.
Waldorf-Astoria-Salat hingegen war ein Novum. Auf dem Weg von dort, wo Margit herkam, nach dem Ort, wo sie sich hinbewegte – gemeint ist nicht die Eingangsschranke des Supermarkts und das Ende der Kassenanlage, sondern der kleine, tiefblaue Mittelpunkt in der Unendlichkeit, aus dem alle Linien entspringen, um alsbald wieder in ihn zurück zu münden – auf diesem Weg also, hatte es sich zugetragen, dass Margit, einen Einkaufswagen vor ihrem Bäuchlein herschiebend, an einem Kühlregal vorbei gerollt war, in dem Plastiknäpfe mit Waldorf-Astoria-Salat zwischenlagerten. Wäre es Margits Tag gewesen, so hätte sie finden können, dass Ananasstückchen und ein paar gematschte Nüsse sowie holziges Gemüse mit einer fettig schleimigen Schleimfettsoße zu verrühren und die entstandene Tinke „Salat“ zu schimpfen, zu den größten Verbrechen gehöre, welche die zivilisierte Menschheit seit der mutmaßlichen Ausrottung des Neandertalers durch den Homo cromagnensis begangen hat (es war nie ihr Tag). Margit starrte auf den Deckel eines der Salatnäpfe, es war ein Tag wie jeder andere, und sie war eine langweilige und dumme Tucke. Kurz noch durchpfiff ein Sterbenshauch ihres alten Glanz’ und Pomp’ ihr Empfinden – OK: wie ein in Brand geschossener Jagdbomber, der schnurstracks über eine Blaskapelle hinwegfaucht, die zu seinem unmittelbar bevorstehenden Touchdown den Radetzkymarsch intoniert -, dann kehrte Stille ein. Lediglich vom Rand ihres gallertartigen Bewusstseins aus wisperten zwei spitzbübische Kaulquappen: „Nichts übertrifft ein frisches, in Quellwasser gewaschenes Schikoreeblatt auf einer Wüste aus Porzellan“. Dieses Wispern war gewissermaßen die letzte Zuckung dessen, was sich Margit für Jahre als Lebensstil vorzumachen versucht hatte, was in ihrem Fall aber besser eine ausgeprägte Jugendverkniffenheit genannt werden sollte, sofern es denn überhaupt lohnte, nach Worten dafür zu suchen. Immerhin: obgleich der Gedanke an das einsame Schikoreeblatt noch kurz zuvor im Quadratdschungel ihrer Spießigkeit untergegangen wäre, hatte er doch im Moment seines Auftretens bereits konterrevolutionären Charakter, denn inzwischen war Margit mit Herz und Seele Waldorf-Astoria-Junkie.
Die Ingredienzienliste des Salats wurde vom Dreigestirn „pflanzliches Öl, Branntweinessig, Eigelb“ angeführt. Die Soße schien also kaum mit Ananas, Nüssen oder Gemüse gestreckt zu sein. Eine etwas weiter oben in Margits Schädel angesiedelte Hirnschicht war bestürzt. Hätte die Hirnschicht Worte gehabt, so hätte sie ausgerufen: „Mein Gott, die reinste Mayonnaise!“ Sie hatte aber keine Worte. Hätte die Hirnschicht Zugang zur Motorik gehabt, was ebenso wenig der Fall war, hätte sie Margit die Hände über dem Kopf zusammenschlagen lassen. „Dufte, die reinste Mayonnaise!“ dachte indes eine etwas weiter unten angesiedelte Hirnschicht. Sie dachte es wörtlich, denn ihr wurden aus dem Sprachzentrum die Schablonen für die Worte „die“, „dufte“, „Mayonnaise“ und „reinste“ überspielt. Daraus bastelte die etwas weiter unten angesiedelte Hirnschicht: „Dufte, die reinste Mayonnaise!“ Danach war sie so gut drauf, dass sie Margit diesen Satz auch noch aussprechen ließ. Wie Hamlet vor dem Kühlregal bedachte Margit einen 200g Napf Waldorf-Astoria-Salat mit dem Statement: „Dufte, die reinste Mayonnaise!“ Das Waldorf-Astoria-Zentrum – wir wollen die etwas weiter unten angesiedelte Hirnschicht der ökonomischeren Ausdrucksweise wegen so nennen – unterjochte daraufhin den Hirnteil, dem die Aktivitäten von Margits rechter Hand unterstellt waren, und ließ zwei Näpfe in den Einkaufswagen bugsieren. Dabei entdeckte Margit, dass noch andere Sorten zum Verkauf standen. Genau genommen entdeckte dies nicht Margit, sondern das Waldorf-Astoria-Zentrum, dem es gelungen war, eine ungeprüfte, unbearbeitete und unzensierte Information abzufangen, die gerade über den Nervus opticus eingegangen war. Die besagten Produkte waren ebenfalls als „Salat“ ausgezeichnet, nur, dass dem Begriff ein anderes Substantiv vorangestellt war. In den meisten Fällen ließ dies Präfix auf einen Zusatz schließen, der bei der Salatherstellung angeblich verwendet worden sei. Margit untersuchte ein transparentes Gefäß mit der Aufschrift „Heringssalat“ und erkannte einen in der Mayonnaise zu Boden sinkenden bläulich schimmernden Fetzen, der ehemals zur Flanke eines Herings hätte gehört haben können. Krabbensalat schien weniger verunreinigt. Margit legte einen Napf Krabbensalat in ihren Einkaufswagen, horchte in sich und sah ein, dass sie sich noch nicht vom Salatregal abwenden mochte.
Außer im Aufdruck unterschieden sich die Näpfe vor allem in den Farbstoffen, die ihren Inhalten zugesetzt worden waren. Auch die Preise wichen voneinander ab. Budapester Salat zum Beispiel stach als besonders rot und billig hervor (vielleicht sollte damit der Niederschlagung des Ungarnaufstands gemahnt werden?). Leider verdrängten viele Stäbchen einer abfallartigen Masse namens Fleischbrät ein Gutteil der leckeren Mayonnaise. Während Margit sich keusch abwandte, legte sie zwei Näpfe des Budapester Salats in ihren Einkaufswagen und mit der sündigen Linken ergriff sie noch schnell einen weiteren: „Partysalat“, wie sie erfreut feststellte, als die Griffstange des Einkaufswagens etwas unterhalb ihres Nabels in ihr leicht konvex gewölbtes Abdomen einfederte (und vor Glück und Erregung über ihr erfolgreiches Shopping, richteten sich die wenigen Härchen auf den Innenseiten ihrer Oberschenkel zu einer Gänsehaut auf).
Im angrenzenden Kühlregal tat sich eine Wand von Jogurtbechern auf. Ohne emporzublicken, schob Margit daran vorüber, doch prompt glitt sie aus und stürzte einem kakerlakengroßen Blesshuhn gleich zu Ananasstückchen und Nüssen zweiter Wahl in die Mayonnaise. Selbst als die Jogurtbecher längst außer Sicht waren, rutschte sie wieder und wieder vom Becherrand und plumpste zurück in die elfenbeinfarbene Schmiere. Erst auf der Suche nach einem ihrer Salatschüssel angemessenen Volumen Mayonnaise fand Margit wieder Halt: sie hackte Petersilie, schnetzelte Schnitzel in schmale Streifen und rührte den Saft von vier Zitronen unter. Was ihre Fantasie ihr zur eigenen Errettung vor die Füße spie, war ein leckerer Zuber Schnitzelsalat (er sollte auch noch für Morgen reichen). Als Margit das Regal erreichte, in dem die Zwanzigstelzentnergläser Mayonnaise thronten, versuchte sie gar nicht erst, einen femininen Grunzlaut zu unterdrücken.
Kurz darauf wurde sie von einem Wesen angesprochen, dem Haare im Gesicht wuchsen und das größer, älter und ihr entgegengesetzten Geschlechts war. „Margit, in unserem gemeinsamen Heim ist eine Glühbirne entzweigegangen. Bitte bringe von deinen Einkäufen im Supermarkt eine Glühbirne mit. Soll ich es dir aufschreiben, Schatz?“ Einem anderen Regal entnahm sie ein Tütchen Weckgummis. Vielleicht gedachte Margit Rhabarber einzumachen? Vielleicht hoffte sie, das im Gesicht so apart bewaldete Wesen würde etwas bleiben, wenn sie ihm Rhabarberkompott anböte? Vielleicht würde es ja einen stattlichen Teller davon wegputzen und sie anschließend zur Belohnung gar in die transzendente Zone mitnehmen, in die es sich nach seinen überaus kurzen und raren Auftritten ärgerlicherweise immer wieder verpisste.
Möglicherweise dachte Margit noch weiter, und hiermit betreten wir den Raum bedingungsloser Spekulation, wo jeder Sachverhalt mit jedem anderem Sachverhalt beliebig kombiniert werden darf, und wo über einer solchen Allianz aus mehreren Sachverhalten der schwarzrot durchkreuzte Wimpel flattert, der dem näher rückenden Feind signalisiert, dass es sich bei seinem Gegner um ein möglicherweise mehr als zufälliges Miteinander-verknüpftsein mehrerer Sachverhalte handelt. Vielleicht also dachte Margit über waldige Wesen und Weckgummis hinaus: keinesfalls aber tat sie es sehr lange, denn nun entdeckte die arme, von Schokoladegier und Mayonnaisegeifer gebeutelte, vor allem aber schwangere Margit einen durchaus realen Stapel Katzenfutterdosen. Sie zuckte zusammen, krümmte sich, hielt sich den Bauch und blickte aus getrübten Augen nach dem Stapel. Dann streckte sie ihre Wirbelsäule zu einem majestätischen „S“ und schritt auf den Dosenstapel zu.
Die Vorgänge, die in diesem Moment in ihr abliefen – in ihrem Gehirn, Bewusstsein oder in der zu ihrem mentalen Reihenhaus gehörigen geistigen Tiefgarage –, diese Vorgänge, lassen sich am besten mit einer Kernfusion beziehungsweise mit der Tatsache vergleichen, dass man ein Kaugummi, obzwar auf der Verpackung schriftlich angeraten, bevor man es wegwirft, höchst selten in den silbrigen Papierstreif einwickelt, aus dem man es in freudiger Erwartung des Kaugenusses zuvor ausgewickelt hat. Denn was für den einen ein pfundiger Verkehrsunfall ist, bei dem ihm beide Beine abgefahren werden, ist für den anderen der Anblick einer Sternschnuppe, die in einer Neumondnacht über einem katalanischen Gemüsegarten zerplatzt. Für Margit war es der Augenblick, als sie den Stapel Katzenfutterdosen entdeckte. Er war der Mittelpunkt ihres Lebens. Zu behaupten, sie sei an einem krautumwucherten Markstein vorübergeradelt, in den „½“ eingehauen steht, wäre nicht falsch, hinterließe aber den Eindruck, sie habe begreifen können, was mit ihr vorgeht. Nichts hatte sie begreifen. Ein achtundvierzigjähriger Lustmolch von Supermarktangestelltem, der nach kurzem, aber aufmerksamem Betrachten ihres Hinterns dazu angesetzt hatte, auf sie zuzugehen, um sein wahres Anliegen hinter der Frage zu verbergen, ob ihr nicht wohl sei, bog unbemerkt in Richtung Käsestand ab. Bleibt anzufügen, dass sie eine Dose vom Stapel nahm, in ihren Einkaufswagen legte und zur Kasse abschob.
Rasputin (aus dem Russischen – etwa „ausschweifender Wüstling“): Teilzeithumanoid
mit wirrem Blick, Bauernlümmel, Wanderprophet und Abenteurer, der früh lernte,
wie man bei Menschen Bewunderung entfacht und wie man diese Menschen anschließend
beherrscht. Rasputin lebte zu Anfang des 20. Jahrhunderts für knappe zehn Jahre
am Zarenhof, wo er den bluterkranken Zarewitsch Alexeij mit Hypnose und Magnetstrahlung
behandelte. Der Zarewitsch war der potenzielle Thronfolger und seit über einem
Jahrhundert das erste männliche Blag, das einem russischen Kaiserpaar zu zeugen
gelungen war. Papa Zar Nicolaus II, besonders aber seine Alte, Zariza Alexandra,
glaubten steif und fest daran, dass Rasputin ihren Sprössling heilen könne,
und duldeten jeden Unfug, den Rasputin am Hofe trieb. Der trieb groben Unfug.
Rasputin war der Ansicht, man käme Gott am nächsten, wenn man sich möglichst
oft in den Zustand seelenloser Entkräftung versetzt, wie er allgemein auf jede
Form von Ausschweifung folgt. Als der Zar zum Schießen in den ersten Weltkrieg
ausrücken durfte, blieben der Wüstling und die Zariza in Petersburg zurück.
Bald hatte Rasputin mehr Macht als die Minister des Landes. Er trieb es so wild,
dass er schließlich von einigen Höflingen, die sich für verantwortungsvoll hielten,
vergiftet, in den Rücken geschossen und nächtens durch ein Loch im Eis der Newa
entsorgt werden musste.
The Rasputins
Rasputin der Erste – guitar, vocals
Rasputin der Zweite – backing guitar, backing vocals Rasputin der Dritte – drums
Rasputin der Vierte – bass, harmonica
Beware of the Rasputins!
Rasputin der Erste fürchtete kaum, von Leuten, die sich für verantwortungsvoll
halten, vergiftet und in den Rücken geschossen zu werden. Jedenfalls machte
sich diese Furcht gegen seine übrigen Wahnvorstellungen so unscheinbar aus,
dass man nicht ernsthaft behaupten konnte, Rasputin der Erste leide darunter.
Seine Post bestand vornehmlich aus Briefen, deren Kernzeile lautete: „Konto überzogen, bitte auffüllen.“ Der Absender (ein Geldinstitut) bedruckte die Briefumschläge hartnäckig mit seinen bürgerlichen Namen, obwohl Rasputin der Erste an zuständiger Stelle bereits mehrfach telefonisch gedroht hatte.
Den Bandnamen „The Rasputins“ hatte sich Rasputin der Erste ausgedacht. Diese Verbrecherbande – jeder norddeutsche Kleinstädter mit geregeltem Einkommen hätte den beim Referat für die Förderung freier Musikgruppen der Berliner Senatsstelle für kulturelle Angelegenheiten im Ordner „Rock ‘n’ Roll“ katalogisierten Zusammenschluss vierer musizierender Halbstarker so betitelt – „The Rasputins“ also trafen sich unregelmäßig in einem dreckstarrenden Probekeller, um dort vermittels ihrer Instrumente und Verstärkeranlagen binnen möglichst kurzer Zeit möglichst viel mechanische und elektrische Energie in Lärm umzuwandeln und dabei möglichst viel an Zigaretten und Bier zu verkonsumieren, sowie gewisse wirksame Substanzen, die an dieser Stelle aufzulisten wohl unnötig sein dürfte.
Rasputin der Erste zog eine Halbliterdose Holsten Pils zwischen Bauch und Gürtel hervor. Er öffnete die Dose (Holsten knallt am dollsten), es spritzte. Der Spruch sei Stuss, fand Rasputin der Erste, denn bekanntlich knalle er – Rasputin der Erste – am dollsten. Als er davon überzeugt war, vorerst genug getrunken zu haben, setzte er die Dose ab, verharrte für einen Moment glubschäugig, spannte die Bauchmuskulatur und ließ einen kapitalen Stoßrülpser zur Kuppel der ehemaligen Bahnhofshalle auffahren. „Nimmst du wohl deine pestigen Gichtgriffel von dem verkackten Kunstwerk, du Ratte!“ schrie jemand in weiter Ferne. Im Claim Rasputin des Ersten verhielt sich alles ruhig. Zwei junge Böcke am Beginn der Geschlechtsreife, zwei Rentner sowie drei leidlich begattungswürdige Kühe, eine davon bekalbt, wandten ihren Blick von den Kunstobjekten ab und schauten Rasputin den Ersten teils angewidert, teils besänftigend an. Das Kälbchen, vermutlich männlich, begann leise zu weinen. Rasputin der Erste öffnete einen der elektrischen Luftbefeuchter, von denen ein Dutzend über die Halle verteilt vor sich hingurgelten, und versenkte die leere Dose im Wassertank des Geräts. Dann ließ er einen ballernden Nachrülpser folgen, nur für den Fall, dass die flaumbärtigen Herren Zweifel befallen sollte, über wessen Grund und Boden sie sich bewegen.
Rasputin der Erste fraß so oft er konnte Currywürste (manchmal auch Currybuletten). Zu diesen Mahlzeiten pflegte er, Dosenbier hinunterzustürzen. Nie verzichtete er, sich Pommes zu den Würsten servieren zu lassen. Seine Körpergröße und üppige Leibesfülle gestatteten es ihm, das Bild „Sausage“ eines Künstlers namens „Kesselstein“ oder so ähnlich nahezu vollständig zu verdecken. Er brauchte sich zu diesem Zweck lediglich davor aufzubauen, was er bisweilen tat. Meist aber lief Rasputin der Erste auf und ab, was auf den Konsum jener wirksamen Substanzen zurückzuführen ist, die an dieser Stelle aufzulisten wohl unnötig sein dürfte. Er hatte eine Technik entwickelt, beim Wenden den Druck der Kreppsohlen seiner Schuhe auf eine Weise am Boden zu konzentrieren, dass ein kurzes, schmerzhaft hohes Kreischen laut wurde. Eine schwarze Verfärbung ähnlich einer Verbrennung bezeichnete danach die Stelle, auf der Rasputin der Erste gewendet hatte. Mittlerweile war die Ausstellungsfläche von diesen Flecken übersät. Die übrigen Aufsichten hatten sich notgedrungen an das Geräusch gewöhnt. Schließlich war auch Stefan das Kreischen aufgefallen. Er hatte beschlossen, dass die Ursache hierfür in der Lüftungsanlage zu suchen sei, und sprach den Hausmeister darauf an. Der Hausmeister verweilte für gewöhnlich in einer etwa 3,65 m3 großen Besenkammer, deren Tür er mit der Aufschrift „Privat“ versehen und deren Innenraum er durch Aufhängen von Pornoseiten zum Aufenthaltsraum empordekoriert hatte, und trank Weinbrand. Er werde sich um „ihr verdammtes Geräusch“ kümmern, hatte er gegrunzt, woraufhin Stefan aufgehört hatte, es zu bemerken, und sich auf sein mäßig großes Büro zurückzog.
Das Kondom wird auch Präservativ genannt, was sich von Französisch „préservatif“,
zu „préserver“ = schützen ableitet (womit wohl ursprünglich der Schutz vor einer
Ansteckung mit der französischen Krankheit gemeint gewesen sein dürfte). Salopp
bezeichnet man die nützlichen Mäuseschlafsäcke auch als Pariser (wohl, weil
sie zunächst vor allem in der überparfümierten Baguettemetropole gebräuchlich
waren).
OK. Lebt eine Versuchsgruppe von Frauen längere Zeit beieinander, ohne dass
sich in ihrer Nähe ein Mann aufhält – wie man es beispielsweise für ein Mädcheninternat
annehmen sollte, das einem Nonnenkloster angeschlossen ist –, so haben die Menstruationszyklen
dieser Frauen keinen gemeinsamen Rhythmus. Mal blutet die eine, mal die andere.
Silvester Stalone, erloschenen Kampfgeists und auf der Flucht, muss sich verstecken
und findet bei den barmherzigen Schwestern Unterschlupf. In Ermangelung passender
Räumlichkeiten nächtigt er im Schlafsaal der Jungfrauen. Zwar lässt er die Finger
von den Miezen, doch benutzt er ihren Waschraum, ihren Beichtstuhl und manchmal
(heimlich) ihre Handtücher. Außerdem transpiriert er ständig die Klassenzimmer
voll. Tritt nun ein Mann in den näheren Kreis einer solchen unorganisiert vor
sich hinmenstruierenden Versuchsgruppe, so synchronisieren sich nach einiger
Zeit die Monatsblutungen der Probandinnen. Auf unser Beispiel angewandt heißt
das: Schwester Wasch von der Klosterwäscherei klagt regelmäßig über einen Schwall
japanischer Fähnlein in Unterhöschenform und dann herrscht wieder vier Wochen
Flaute. Dies hat die Wissenschaft festgestellt. Es findet seine Ursache in den
Hormonen, die Männer ständig ausschwitzen und auspinkeln. Rasputin der Erste
hatte nie von diesem Forschungsergebnis gehört. Er interessierte sich für Wissenschaft
nur, wenn sie lautere Verstärker, größere Bierdosen oder wirksamere Substanzen
hervorbrachte, als jene, die an dieser Stelle aufzulisten wohl unnötig sein
dürfte. Hätte er von den Erkenntnissen über die Synchronisation menstruativer
Vorgänge vermittels männlicher Hormone gewusst, so hätte er sich gewiss nicht
gescheut, schweißtreibende Liegestütz zu machen und in den Ecken seines Aufsichtsbereichs
gelbe Streifen an die Trennwände zu pinkeln, alles mit dem Ziel, die Menstruationszyklen
der als Aufsichten in der Ausstellung beschäftigten Frauen unter das Joch seiner
Ausdünstungen zu zwingen, allen voran den Menstruationszyklus von Mona, zu der
er seit einiger Zeit eine, wie Rasputin der Erste fand, zärtliche Liebesbeziehung
unterhielt (manchmal mutete sie ihm so schnuckelig an, dass er sie behandelte,
als sei sie ein Torfsack). Doch Rasputin dem Ersten war nichts von den Erkenntnissen
über die verheerende Wirkung männlicher Ausdünstungen bekannt, also rülpste
er sich den Weg zur Herrentoilette frei. Dabei fragte er sich, wo Mona heute
wohl steht.
„Sagtest du zweiter Stock?“
„Ja! Zum dritten Mal bereits! Willst du mich kirre machen? Warum hörst du mir eigentlich nicht zu?“ Warum antwortet Radio-Eriwan eigentlich auf jede Frage mit einer Gegenfrage, überlegte Peinlich.
„Warum nicht?“ antwortete er. Es war einfach. Er kratzte sich den Handrücken. Hatte er sie schon gefragt, ob ihre Wohnung mit einem Balkon ausgestattet sei? „Mit Balkon?“ fragte er müde. Es war langweilig und schrecklich.
Während er noch kratzte, beging Peinlich einen Fehler. Das Vertrackte war, dass er sich nicht sicher sein konnte, dass es sich dabei tatsächlich um einen Fehler handelte. Er unterlief ihm nämlich bereits seit Jahren. Das entsprach nicht Peinlichs Idealvorstellung von einem Fehler. Er beging ihn, den Fehler, und er spürte, dass er ihn beging. Vermutlich war das der eigentliche Fehler. Derweil überragte sie ihn um die Stärke des Blütenblatts einer Chrysantheme.
Es gewitterte. Nicht im diesseits, draußen zum Beispiel, am Himmel über dem Dach der Bahnhofshalle oder am Jangtsekiang, obwohl es durchaus möglich war, dass es in diesem Moment am Jangtsekiang gerade gewitterte. Es gewitterte auch nicht in Peinlichs Vorstellung oder vor seinem inneren Ohr oder wie immer man das nennen soll. Einigen wir uns darauf, dass es an einem nicht näher bestimmten Ort gewitterte. Man sollte lieber fragen, wie es gewitterte. Also: „Wie gewitterte es?“ – Es gewitterte nicht in der üblichen Weise. Die geht so: eine elektrische Entladung – „Blitz“ ist ein viel zu pfeilförmiges Wort für derlei Tischfeuerwerk –, eine elektrische Entladung fährt in einen eigens zu diesem Zweck verlegten Draht. Lange nachdem das Fünklein vergessen ist, klappert - einem lahmen Maultier gleich - ein asthmatischer Donner hinterdrein. So also nicht. Stattdessen krachte es, wie Peinlich es nie erlebt hatte, und dennoch war das Gewittern Peinlich so bekannt, wie der Geruch seiner Grundschule, aus der er zuletzt als Piefke hervorgestürmt war, die er aber erst kürzlich erneut betreten hatte, als er zufällig in der Gegend herumgestromert war. Unverzüglich löste er seine Uhr vom Handgelenk, zog seine Schuhe und Socken aus, zog seine Hose aus, klemmte sich ein Goldwäschersieb unter den Arm und kletterte zwischen den Sträuchern hindurch die Böschung hinab. Das Wasser leuchtete milchig türkis. Der schnurgerade Verlauf des Flusses ließ sich kilometerweit verfolgen. Er schien direkt aus dem wolkenlosen Himmel zu kommen. Peinlich balancierte über die groben Steine der Uferzone hinweg. Nach einigen Schritten wurde es tiefer und die Strömung drohte ihn umzureißen. Er erreichte eine Art Sandbank aus feinen Kieseln, in die er bis zu den Knöcheln einsank. Die Stelle schien ihm geeignet. In hohem Bogen schleuderte er das Sieb stromabwärts. Das Wasser war so kalt, als käme es direkt vom Mond.
„Hast du kleine oder große Brustwarzen?“, fragte er, indem er sich leicht vorbeugte. Mona schaute geradeaus. „Ich frage mich, ob sie eher nach unten zeigen oder direkt nach vorn, oder ob sie ein wenig nach oben zeigen.“ Ihre Pupillen hatten sich verengt, sie atmete tief. Peinlich beobachtete, wie sich ihr Busen hob und senkte. Sie beobachtete, dass Peinlich beobachtete, wie sich ihr Busen hob und senkte. „Da hast ziemlich Große, denke ich, die ein wenig nach oben zeigen.“ Kurz bevor sie sagen konnte, was sie möglicherweise hatte sagen wollen, murmelte Peinlich: „So wie Margit“. Da hörte sie auf, zu atmen. „Wun-der-bar, ich kann dir sagen!“ Peinlich verrenkte sich zur Pose eines seitengescheitelten Medizinstudenten gegen Ende einer erfolgreich verlaufenden mündlichen Prüfung. Er zählte auf, blickte mehrfach suchend zur Glaskuppel empor und schnippte zwischen den schnell gesprochenen Worten mit den Fingern: „Prall, klein, spitz, eckig, weich, riesig, messerscharf, na ja, knallhart, rund, ach was, ich meine natürlich dumpf.“ Ihre Augen traten hervor. „Nein!“ brüllte Peinlich. „Rumpf meine ich. Himmel, was rede ich denn?“ Ein andalusischer Schneider, der soeben das Erbteil seiner Schwestern verzockt hat, schaute sie an. Dann legte Peinlich seine Handfläche klinisch sanft auf ihren Oberarm, etwa wie der diensthabende Chefarzt der Neurologischen, welcher der Frau Gattin gerade vertellt hat, dass es sich bei der Erkrankung ihres Gemahlen möglicherweise um einen Kleinhirntumor handelt. „Ich denke, sie verstehen“, sagte er. „Vielleicht solltest du jetzt besser ausatmen“, fügte er an.
War er ihr zu nahe getreten? Sie gefiel ihm. Peinlich machte einen Schritt zurück. Ihm gefiel, wie kraftlos sie auf ihrem Platz stand. In letzter Zeit gefielen ihm auch ihre Titten. Das mochte daran liegen, dass sie sich mit dem Ausatmen neuerdings recht schwer tat.
„Verpiss dich!“ sagte sie. Sie presste es nicht hervor, sie flüsterte oder brüllte es nicht, sie schluchzte oder wieherte es nicht und verfremdete es auch sonst in keiner Weise. Sie sagte es. So als habe Peinlich sie gefragt, wie spät es sei, und sie antworte „Vierteleins“. So sagte sie es: „Verpiss dich!“ Es klang aber trotzdem nicht überzeugend.
Bereits im Jahre 1564 hatte der italienische Anatom und Gynäkologe G. Fallopius
empfohlen, man solle zum Schutz vor der Syphilis beim Geschlechtsverkehr ein
mit Medikamenten getränktes Leinensäckchen unter der Vorhaut tragen. Dottore
Fallopio dürfte von jenen, die versuchten seinen Ratschlag in die Tat umzusetzen,
ein „theorievernageltes Dummerle“ geschimpft worden sein (mindestens).
Um die Mittagszeit war die Ausstellung schlecht besucht. In dem Abschnitt, der
Peinlich zugeteilt worden war, hatten sich während der vergangenen Stunde nie
mehr als drei Besucher aufgehalten. Stefan war zu einem Spaziergang im Park
aufgebrochen. Wenn er das Gebäude verlassen hatte, bildeten die Aufsichten untereinander
Grüppchen und unterhielten sich (wie Peinlich vermutete über Kunst) oder sie
brachten einander aus der Cafeteria Getränke mit (Peinlich mochte keine Getränke).
In einer Ecke lagen lose übereinander gestapelt Pappkartons aus Holz. Ein anderes Kunstwerk bestand aus neun grün durchscheinenden, einen guten Meter langen Epoxidharzrohren mit quadratischem, knapp schulterbreitem Querschnitt. Dieses Kunstwerk eines Künstlers namens „Austin“ oder so ähnlich erhob sich wie 3 x 3 uniforme Schachfiguren über ein imaginäres Quadrat auf dem Halle